Laut, dreist und gefährlich

Jimmy Carter nannte ihn einen «Kriegstreiber». Zu Recht: John McCain ist zum Draufgänger in allen anheizbaren Konflikten geworden.

Nachdem sich der Irak zu einem Albtraum für das amerikanische Militär entwickelt hatte, warf er ein Auge auf Libyen: US-Senator John McCain an der Sicherheitskonferenz in München. (8. Februar 2015)

Nachdem sich der Irak zu einem Albtraum für das amerikanische Militär entwickelt hatte, warf er ein Auge auf Libyen: US-Senator John McCain an der Sicherheitskonferenz in München. (8. Februar 2015)

(Bild: Keystone Matthias Schrader)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Da war er wieder, ein Mann von Action und Eskalation, bei der Münchner Sicherheitskonferenz am Wochenende. Während sich Kanzlerin Merkel kategorisch gegen westliche Waffentransfers an die Ukraine aussprach, konferierte John McCain mit dem Geist des unseligen Neville Chamberlain: Absolut müssten Waffen an die Ukrainer geliefert werden, verlangte der republikanische Senator aus Arizona. Alles andere sei Appeasement-Politik.

Der Auftritt war mal wieder original McCain: laut, dreist und gefährlich. Stetig ist der ehemalige Kriegsheld seit dem Jahrtausendwechsel in die Rolle eines Dr. Strangelove für das 21. Jahrhundert gerutscht. Nahezu immer mündeten seine Appelle für Krieg und Waffen in kolossale Rohrkrepierer, ohne dass McCain jemals einen politischen Preis dafür bezahlt hätte. Als Ex-Präsident Jimmy Carter ihn 2014 als «Kriegstreiber» bezeichnete, schoss McCain in einem Interview mit Euronews zurück: «Dazu sage ich nur, sagen Sie mir doch, wo ich falschlag. Ich sage zu diesen Leuten, dass sie immer falschgelegen sind.»

McCains Behauptung verdient einen genaueren Blick. Und der zeigt, dass der Senator durchaus irrte – ob im Irak, in Libyen oder Syrien. Natürlich unterstützte er George W. Bushs Intervention im Zweistromland. «Nächster Halt: Bagdad!», rief McCain im Januar 2002 von der Brücke eines US-Flugzeugträgers. Denn in Bagdad vermutete er ein Lager von Massenvernichtungswaffen. Ausserdem berichtete er auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2002 von «terroristischen Ausbildungslagern im Irak». Bekanntlich existierten weder Massenvernichtungswaffen noch terroristische Ausbildungslager im Irak.

«Machen Sie daraus 100 Jahre!»

Als Bushs Irakkrieg 2007 auf der Kippe stand, verlangte McCain mehr Soldaten. Auf die Frage, ob diese Truppen womöglich ein halbes Jahrhundert im Irak stationiert werden müssten, antwortete der Senator 2008: «Machen Sie daraus 100 Jahre!»

Nachdem sich der Irak zu einem Albtraum für das amerikanische Militär entwickelt hatte, warf McCain ein Auge auf Libyen. Zwar hatte er bei einem Besuch in Tripolis 2009 durchaus Gefallen an Muammar al-Ghadhafi gefunden, zwei Jahre später aber blies McCain an vorderster Front zum Sturmangriff auf Tripolis. Libyens «Reise hin zur Demokratie wird die gesamte Welt beeindrucken», jubelte er.

Der «interessante Mann» war zwischenzeitlich zu einem Hindernis geworden, weshalb McCain im April 2011 nach Benghazi reiste, um libyschen Demokraten den Rücken zu stärken und Waffenhilfe zuzusichern. Etwas voreilig sprach er vom «Übergang zu einer integrativen Demokratie, die allen Libyern nützen wird». Offenbar hatte McCain bei seinem Besuch in Benghazi die schwarzen Fahnen mitsamt den bärtigen Jihadisten übersehen, die bereits den Ton angaben. Heute weist Libyen radikalislamische Elemente auf.

Nun in der Ukraine

McCain freilich ficht das nicht an: Mehr Krieg und mehr Bomben in Libyen hätten es gewiss gerichtet. Anschliessend wandte sich der Senator Syrien zu: Er besuchte prowestliche Rebellen und verlangte Waffen und Krieg gegen Bashar al-Assad. Dass die Waffen in die falschen Hände fallen könnten und die Logistik nicht ganz so einfach war, wischte McCain vom Tisch: «Wenn wir ein Benghazi in Syrien einrichten, können wir die Waffen an die richtigen Leute liefern.»

Selbst dem republikanischen Hausblatt «National Review» war dies zu bunt: «Wollen die Republikaner wirklich einem Mann folgen, der ein ‹Benghazi in Syrien› errichten will?», fragte fassungslos der einflussreiche Kommentator Andrew McCarthy.

Nebenbei und bereits zuvor hatte McCain Unsinn über den Iran verbreitet und stets eine harte Linie verfochten. Schon 2009 fällte der Kolumnist Joe Klein im Magazin «Time» ein vernichtendes Urteil über McCains Weisheiten: Seine Auslassungen zum Iran seien «entweder sagenhaft ignorant oder gefährlich kriegerisch».

Inzwischen ist der Hansdampf in allen anheizbaren Konflikten in der Ukraine angelangt, wo er den Rückzug der Europäer beklagt. Risiken sieht John McCain wie immer keine. Schliesslich hatte er im Vorjahr erkannt, «niemals» werde es einen «totalen Krieg mit Russland» geben. «Ich kann mir kein Szenario vorstellen, bei dem das passieren würde», sagte er in einem Interview.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt