Kuba hofft auf rettenden Hafen

Die kubanische Öffnung

Raúl Castro bietet seine Insel dem globalen Kapital und Handel an. Das erste Experiment ist Mariel, ein Megahafen mit Sonderwirtschaftszone. Gestern wurde der erste Containerterminal eingeweiht.

Vorbildlich: So viel Arbeitsschutzkleidung wie im Hafen von Mariel sieht man in Kuba sonst nirgends.

Vorbildlich: So viel Arbeitsschutzkleidung wie im Hafen von Mariel sieht man in Kuba sonst nirgends.

(Bild: AFP Ismael Francisco)

Schluss mit Schlaglöchern und Holperstrasse. Kubas Weg in die globalisierte Zukunft führt über eine frisch geteerte Schnellstrasse. Karawanen moderner Kipplaster fahren hin und her, an den Abzweigungen stehen Männer mit Bauhelmen und Schutzbrillen, in leuchtorangem Übergewand und hohen Stiefeln. So viel vorbildliche Arbeitsschutzkleidung wie hier sieht man in Kuba sonst nirgends. Hier, das ist «la zona», die Zone, wie man die «Spezialzone zur Entwicklung» kurz nennt.

Sie liegt 45 Kilometer östlich von Havanna in Mariel, einer grossen Bucht am Meer, auf der einen Seite das Städtchen mit einer Werft, einem Zement- und Kraftwerk, 45'000 Menschen leben da, auf der anderen der Frachthafen. Mariel wurde 1980 weltweit berühmt. Von hier flüchteten in einem Massenexodus 125'000 Kubanerinnen und Kubaner mit Flossen und Booten übers Meer nach Miami. Eine Tragödie mit vielen Toten. Jetzt soll dieses Mariel zum rettenden Hafen für die darniederliegende kubanische Wirtschaft werden.

Die neue, breite Strasse führt durch hügeliges Niemandsland, alles grünt, die Kronen der Königspalmen sind vom Wind zerzaust. Nach der letzten Anhöhe geht es links hinunter in ödes Buschland am Meer, wo Bulldozer das Terrain ebnen fürs grosse Geschäft, rechts zur Bucht zum Hafen, wo sich Kuba künftig an die globalen Warenströme andocken möchte. Der erste Containerterminal mit den Kränen aus China ist fertiggebaut und gestern von Staatschef Raúl Castro und Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff eingeweiht worden. Sie und ihr Vorgänger Lula waren schon mehrmals hier.

Denn aus Brasilien kommt der grösste Kredit für den neuen Hafen, der seit vier Jahren im Bau ist und fast eine Milliarde Dollar kostet. Zwei Drittel finanziert die brasilianische Entwicklungsbank. Im Baukonsortium federführend ist der weltweit tätige brasilianische Mischkonzern Odebrecht. Deren Planer und Spezialisten sitzen in klimagekühlten Büros nahe der Mole und dirigieren 4000 kubanische Arbeiter, die im 24-Stunden-Schichtbetrieb rackern.

Roberto sitzt mit ausgestreckten Beinen auf einer Bank im Schatten. Er hat soeben seine Schicht beendet, Schweisserarbeiten unter Wasser am Pier. Der 36-jährige Familienvater sagt, er habe noch nie in seinem Leben so hart und diszipliniert arbeiten müssen wie hier, aber auch noch nie so viel verdient: «Mit Zulagen komme ich auf 1400 Pesos.» Das sind 60 Franken im Monat, dreimal mehr als der staatliche Durchschnittslohn. Auf Kubas grösster Baustelle verdienen sogar Maurer und Eisenleger mehr als Chirurgen und Universitätsprofessoren. Schweisser Roberto sagt salbungsvoll: «Hier geht es eben um die Zukunft unseres Landes.»

Raúl tut, was Fidel verflucht

Diese Zukunft kommt vielen Kubanern chinesisch vor. Kapitalismus unter dem Diktat der Kommunistischen Partei. Raúl Castro bewundert die effiziente Volksrepublik China. Mariel ist nach dem Vorbild der dortigen Sonderwirtschaftszonen konzipiert. In diesen gelten andere Gesetze als sonst im Land. Es sind die des globalisierten Kapitalismus, den Fidel Castro immer verflucht hat: Steuerprivilegien für ausländische Investoren und Firmen, Aussicht auf hohe Gewinne, zollfreier Handel. Raúl ist der Meinung, sein Land brauche mehrere solche Sonderzonen.

Mariel ist Kubas grösstes Bauvorhaben seit der Revolution 1959, die Zone mit 465 Quadratkilometern ist fünfmal so gross wie die Stadt Zürich. Sie besteht aus Arealen für verschiedene Wirtschaftszweige – IT und Telekommunikation, Biotechnologie (Pharma), Energie, Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie, Logistik und andere. Raúl Castro möchte hier ausländisches Kapital und internationale Firmen an Land ziehen. Die Zone soll ihnen tiefe Kosten garantieren und hohe Gewinne ermöglichen.

Raúls Businessplan: Die Unternehmen schaffen in grossem Stil Arbeitsplätze für seine Landsleute, die sein aufgeblähter Staatsapparat zu Hunderttausenden entlassen muss. Die Löhne müssen die Arbeitgeber dem Staat überweisen, dieser zahlt dann einen Bruchteil davon an die Angestellten. Dieses einträgliche Geschäft betreibt Kuba seit Jahren auch mit seinen Ärzten und anderen Fachkräften, die zu Tausenden im Ausland «auf Mission» sind. Kritiker reden von moderner Sklaverei.

Der neue Handelshafen wird einer der leistungsfähigsten der Region. Er soll nächstes Jahr fertig gebaut sein, eine Kapazität für einen Umschlag von jährlich drei Millionen Containern haben und zum wichtigsten Umladeplatz in der Karibik werden. Damit alles speditiv läuft, hat die Regierung den Konzern PSA aus Singapur beauftragt, den Hafen zu betreiben. Er verwaltet auch 26 andere Handelshäfen in 15 Ländern. Mariel ist für die grossen Containerschiffe der Generation Post-Panamax gerüstet, die bald durch den Panamakanal fahren können. Dieser wird zurzeit vergrössert. Viele andere Häfen in der Region sind nicht für diese Giganten mit grösserem Tiefgang gebaut.

Brasilien zahlt den grössten Teil, Rousseff kam zur Eröffnung.

Raúls Gesandte reisen rund um die Welt, um für Mariel zu werben. Sie betonen stets: Niemand muss Angst haben vor Zwangsenteignungen! Im März wollen Regierung und Parlament ein neues Gesetz für ausländische Investoren verabschieden. Es soll ihnen Türen öffnen und vor allem Sicherheiten bieten, damit sie nicht um ihr Hab und Gut fürchten müssen. Das Risiko, von einem Tag auf den anderen alles zu verlieren, war in Kuba bis jetzt grösser als die Chance, Geld zu verdienen. Der Grund: Fidel. Er hat nach der Revolution nahezu alles Private verstaatlicht. Erst in der schweren Krise Mitte der 90er-Jahre öffnete der Máximo Líder für ausländische Firmen die Tür einen Spaltbreit – widerwillig und auf Drängen seines Bruders Raúl. Fidel liess drei streng kontrollierte Freihandelszonen zu. 400 Firmen wagten es, in Kuba zu geschäften. Sie investierten fast drei Milliarden. Fidel nahm das Geld, machte nach ein paar Jahren linksum kehrt, schloss die Tür wieder und auch ziemlich viele Bankkonten. Er hatte einen neuen Freund gefunden, der ihn bewunderte und grosszügig unterstützte: Hugo Chávez, der Präsident des erdölreichen Venezuela.

Dem stillen Raúl war der laute Chávez nie so ganz geheuer. Raúl braucht zwar Venezuelas Hilfe, hat aber stets betont, Kuba müsse sich verändern und lernen, wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen. Doch seine Reformen in der Landwirtschaft, im Kleingewerbe und Dienstleistungssektor haben nicht dazu geführt, dass das Land mehr produziert. Gescheitert sind auch die Pläne, in absehbarer Zeit die reichen Erdölvorkommen in den Gewässern vor der Insel anzuzapfen – zu teuer und zu kompliziert. Chávez ist tot und Venezuela in Schieflage. Kuba braucht Mariel.

Firmen haben ihr Interesse angemeldet, in der Zone Werke aufzubauen: der chinesische Autokonzern Geely, die brasilianischen Bushersteller Marcopolo und Busscar. Auch deutsche Unternehmen überlegen, Reparatur- oder Montagearbeiten für die ganze Karibik nach Mariel zu verlegen. Unbestritten ist: Die Sonderwirtschaftszone am Golf von Mexiko ist top gelegen – nahe am Panamakanal, dem Tor zum Pazifik, und nur 120 Seemeilen entfernt vom zweitgrössten Binnenmarkt der Welt, den USA.

Dem stillen Raúl Castro war der laute Hugo Chávez nie ganz geheuer.

Trotzdem: Zweifel bleiben. Sogar in der Partei und in Chefetagen von Staatsbetrieben fragt man sich: Wer auf der Welt vertraut den Castros noch? Glaubt Raúl wirklich, er könne aus uns Kubanern disziplinierte chinesische Arbeitsbienen machen? Was hat Kuba zu bieten ausser Problemen? Eines ist die Telekommunikation. Moderne Unternehmen brauchen modernste Anlagen und Technologien, schnelles Breitband-Internet. Hat Kuba alles nicht. Ebenso keine Erfahrung in der Marktwirtschaft, die Gerichte unterstehen der Kommunistischen Partei. Die Bürokratie ist ein kafkaesker Albtraum.

Das verflixte US-Embargo

Der 82-jährige Raúl weiss: Die Zeit drängt. Er muss die Welt überzeugen, dass in der Sonderzone Mariel alles besser funktioniert als sonst in Kuba. Immerhin hat er in den letzten Jahren mit vielen Ländern die Wirtschaftsbeziehungen verbessern und vertiefen können. Auch die EU hat kürzlich signalisiert, sie wolle mit Kuba enger zusammenarbeiten. Fehlen nur noch die USA. Ihr Wirtschaftsembargo ist ein Fluch für Kuba, gerade für Mariel. Ein Passus im Embargo besagt, dass Schiffe, die in Kuba anlegen, erst sechs Monate später wieder einen US-Hafen anlaufen dürfen. Allein deswegen werden sich ausländische Firmen und Transportunternehmen zweimal überlegen, Mariel anzusteuern und da zu investieren.

Raúl hat mehrmals signalisiert: Er will sich mit den USA versöhnen – aus rein wirtschaftlichen Interessen. Fidel wollte das nie. Raúl will zwar von Demokratie, Parteien, Rede- und Meinungsfreiheit auch nichts wissen. Doch wenn es ums Geschäft geht, kennt Castro II keine Berührungsängste.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt