Guaidós Hilfsgüter-Plan scheitert an der Übermacht des Militärs

Nur einzelne Lastwagen mit Nahrung und Medikamenten sind nach Venezuela gelangt. Es gab Tote und Verletzte.

«Wir wollen arbeiten»: Zusammenstösse zwischen Demonstranten und Nationalgarde in Ureña. (Video: Tamedia/AFP)
Sandro Benini@BeniniSandro

Gestern war der Tag, an dem Venezuelas Präsident Nicolás Maduro vor der Weltöffentlichkeit das Gesicht verlieren sollte und vielleicht sogar die Macht. Sein Gegenspieler Juan Guaidó hatte das Datum mit Bedacht gewählt. Genau einen Monat zuvor, am 23. Januar 2019, hatte der oppositionelle Vorsitzende der Nationalversammlung sein Amt als venezolanischer Interimspräsident angetreten. Nun sollten auf seinen Befehl rund 600 Tonnen Hilfsgüter die hungernde, unter einem medizinischen Notstand leidende Bevölkerung erreichen – vor allem über die kolumbianische Grenzstadt Cúcuta, teilweise auch über Brasilien.

Um dies zu verhindern, liess Maduro die Grenzübergänge schliessen und mobilisierte die Armee. Guaidó rechnete damit, dass viele Soldaten überlaufen würden und das Militär die Hilfsgüter, die vorwiegend aus den USA stammen, ins Land liesse.

Einen derartigen Autoritätsverlust, so das Kalkül des 35-jährigen Oppositionellen, würde sein Widersacher politisch nicht überleben. In den Wochen zuvor hatte sich Guaidós Hoffnung, die Armeespitze könnte sich von Maduro abwenden, nicht erfüllt.

Mehrere Soldaten flüchteten über die Grenze nach Kolumbien

Am Samstagmorgen meldeten oppositionelle Abgeordnete triumphierend, einzelne Lastwagen mit Hilfsgütern hätten die venezolanisch-brasilianische Grenze überquert. In der venezolanischen Stadt Ureña, die unmittelbar an der Grenze zu Kolumbien liegt, setzten Uniformierte bei heftigen Auseinandersetzungen Tränengas gegen Demonstranten ein. Ein Anwaltskollektiv in Caracas berichtete, dabei seien mindestens vier Personen ums Leben gekommen.

Laut Augenzeugen zündeten Militärpolizisten Hilfsgüter an, die trotz der geschlossenen Grenzbrücke ins Land gebracht worden waren. Seite an Seite mit den Militärs hätten auch die gefürchteten «colectivos» gekämpft: von der venezolanischen Regierung bewaffnete paramilitärische Motorradbanden.

  • loading indicator

Vier Angehörige der Nationalgarde desertierten, überwanden unter den Anfeuerungsrufen der Menge die Grenzsperren und liefen nach Kolumbien über. Laut dessen Behörden flohen bis gestern Nachmittag insgesamt 23 Soldaten auf kolumbianisches Territorium.

Obwohl einzelne Lastwagen mit Nahrung und Medikamenten nach Venezuela gelangten, zeichnete sich am späten Abend ab, dass Guaidó mit seinem Plan gescheitert war. Die militärische Übermacht der Armee war offensichtlich zu gross. «Das illegitime Regime verhindert die Verteilung der Hilfsgüter», schrieb Guaidó auf Twitter. Auch der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten, Luis Almagro, sprach von einem Misserfolg.

Den Zusammenbruch Venezuelas erklärt

Chaos, Armut, politische Instabilität – das Erklärvideo zeigt, wie es soweit kommen konnte.

Schon am Freitag war die Spannung stündlich gestiegen, während sich die beiden Lager zunächst einen musikalischen Wettbewerb mit eher symbolischem Charakter lieferten. Auf der kolumbianischen Seite des Grenzflusses Táchira fand das vom britischen Milliardär Richard Branson organisierte Benefizkonzert Venezuela Aid Live statt, bei dem Dutzende bekannte lateinamerikanische Musiker auftraten. Laut den Veranstaltern strömten zum Anlass rund 300'000 Menschen zusammen. Die Einnahmen sollten verwendet werden, um weitere Hilfsgüter zu kaufen.

Auf der venezolanischen Seite der Grenzbrücke Las Tienditas hielt die Regierung ein Gegenfestival ab, dessen Motto «Hände weg von Venezuela» lautete. Gemäss internationalen Medien verfolgten den Anlass allerdings nur gerade rund 2000 Personen. Darunter waren zahlreiche Uniformierte, Mitglieder der Sozialistischen Partei sowie Angestellte von Staatsbetrieben.

Zur allgemeinen Überraschung trat am Festival der Maduro-Gegner auch Juan Guaidó auf. Der Politiker, den weltweit rund 50 Regierungen als legitimes Staatsoberhaupt anerkennen, war am Donnerstag von Caracas aufgebrochen und hatte sich wahrscheinlich auf dem Landweg an die venezolanisch-kolumbianische Grenze begeben.

Den Auftritt mussten Maduro und seine Regierung als zusätzliche Provokation empfinden, hatte es doch das venezolanische Obergericht dem Interimspräsidenten verboten, ausländischen Boden zu betreten. In Cúcuta traf der Oppositionelle unter anderem mit dem rechtskonservativen kolumbianischen Präsidenten Iván Duque sowie dem chilenischen Regierungschef Sebastián Piñera zusammen. Eine Videoaufnahme zeigt, wie Guaidó mit einigen Begleitern im Laufschritt die venezolanisch-kolumbianische Grenze überquert. «Diese Brücke gehört mir. Natürlich schaffen wir es», ruft er triumphierend.

«Sie sind ein Hampelmann und ein Clown mit tausend Gesichtern»

Später sagte Guaidó während einer Pressekonferenz, er sei nach Kolumbien gekommen, um Hilfe für sein Volk zu suchen. Er deutete an, es seien Soldaten der venezolanischen Armee gewesen, die ihm den waghalsigen Abstecher ins Nachbarland ermöglicht hatten – wohl in der Hoffnung, damit zusätzliche Militärs zum Desertieren zu bewegen. Zusätzlich beteuerte Guaidó erneut, was er während der vergangenen Wochen schon mehrmals gesagt hat: Jeder Uniformierte, der die Seiten wechsle, könne auf Amnestie zählen.

Venezuelas Aussenminister Jorge Arreaza sagte, die unabhängige venezolanische Justiz werde den Gesetzesverstoss des Interimspräsidenten hoffentlich ahnden. Bei einem Treffen mit Arreaza warnte UNO-Generalsekretär António Guterres die Regierung in Caracas, Gewalt gegen Demonstranten anzuwenden.

Zuvor waren bei Unruhen an der Grenze zwischen Venezuela und Brasilien zwei Eingeborene ums Leben gekommen. Laut Zeugen sind sie von Soldaten der venezolanischen Nationalgarde erschossen worden. Ausserdem lägen mehrere Schwerverletzte im Spital der brasilianischen Grenzstadt Pacaraima. Die venezolanischen Behörden bestreiten die Schuld der Nationalgardisten.

Nicolás Maduros Antwort auf die Eskalation war widersprüchlich. Jahrelang hatte er bestritten, dass in seinem Land eine humanitäre Krise herrsche. Neben der Behauptung, internationale Hilfslieferungen seien ein Deckmantel für eine amerikanische Invasion, war dies bisher sein Hauptargument, um Nahrung und Medikamente aus dem Ausland abzulehnen. Am Freitag akzeptierte er jedoch plötzlich Lieferungen aus Russland und der EU.

Gestern gab er sich bei einem Auftritt in Caracas hingegen wieder unversöhnlich. «Ich bin entschlossener als jemals zuvor», sagte Maduro vor Hunderten von Anhängern. An Guaidó gewandt, fuhr er fort: «Herr Hampelmann, Sie Clown mit tausend Gesichtern, versuchen Sie doch, Präsidentschaftswahlen durchzuführen.» Gleichzeitig gab er bekannt, die diplomatischen Beziehungen zum Nachbarland Kolumbien abzubrechen. Dessen Botschaftspersonal habe 24 Stunden Zeit, um das Land zu verlassen. Den kolumbianischen Präsidenten bedachte Nicolás Maduro mit den Worten: «Du bist der Teufel, Iván Duque, und du wirst innerlich verbrennen.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt