Eine Abhörzentrale jenseits der Vorstellungskraft

Hintergrund

Der elektronische Geheimdienst NSA baut in Utah einen gigantischen Info-Speicher. Kaum etwas dürfte vor dem Datenstaubsauger sicher sein.

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Martin Kilian@tagesanzeiger

Östlich von Salt Lake City und nahe der kleinen Mormonenstadt Bluffdale im US-Bundesstaat Utah wurde im Januar 2011 der Grundstein zum derzeit wohl geheimnisumwittertsten Gebäude in den Vereinigten Staaten gelegt. Die damals Anwesenden, darunter prominente Politiker wie Utahs republikanischer Senator Orrin Hatch, durften nicht über die Baustelle reden oder hatten keine Ahnung, was genau auf dem Gelände entstand. Die Baufirma verweigert jegliche Auskunft, der Bauherr ebenfalls – was kaum verwundert.

Denn in Bluffdale baut die National Security Agency (NSA), jener ultrageheime elektronische Schnüffel- und Abhördienst, dessen Existenz von US-Regierungsstellen über Jahrzehnte hinweg geheimgehalten wurde, zum Preis von zwei Milliarden Dollar eine Zentralstelle zur Speicherung und Auswertung abgefangener Informationen. 92’000 Quadratmeter umfassen die Gebäude, die 2013 in Dienst genommen werden sollen, darunter riesige Hallen für Server, Tausende Tonnen Kühlausrüstung für die Computer sowie hochentwickelte Sicherheitssperren und Kontrollen.

Was weiss die NSA über die US-Bürger?

In einem weithin beachteten Artikel in der Zeitschrift «Wired» analysierte der NSA-Kenner James Bamford neulich erstmals Sinn und Zweck der Anlage – und kam zum furchterregenden Schluss, die NSA entwickle sich zusehends zu einem totalitären Instrument, das widerrechtlich Informationen über US-Bürger abschöpfe. Bamford ist kein Unbekannter: Mit seinem 1982 erschienenen Buch «The Puzzle Palace» lüftete er erstmals den Schleier über der NSA.

Jetzt untersuchte Bamford die im Bau befindliche Anlage in Bluffdale und sein Fazit, die NSA sei «der grösste, geheimste und zudringlichste Dienst geworden, den es jemals gegeben hat», verschreckte Kongressmitglieder derart, dass General Keith Alexander, der Direktor der NSA, in Washington vorgeladen wurde. Prompt verneinte der General vor dem Kongress, dass die NSA, wie von Bamford unter Berufung auf mehrere Quellen behauptet, weiterhin Daten über US-Bürger sammle und speichere. «Dazu sind wir nicht autorisiert, auch haben wir in den USA nicht die Ausrüstung, um das zu tun», so der General.

Wie ein gigantischer elektronischer Staubsauger

Das Dementi räumt den Verdacht nicht wirklich aus, hatte die NSA doch zwischen 2003 und 2008 im Gefolge von 9/11 widerrechtlich und mit Hilfe willfähriger Unternehmen wie AT&T inneramerikanische Kommunikation massiv angezapft. Dass die Behörde den Rest der Welt wie ein gigantischer elektronischer Staubsauger absucht und E-Mails und Telefonate, Tweets und überhaupt jede Art von Kommunikation abgrast, steht ausser Zweifel. Und wenn die Anlage in Bluffdale einsatzbereit ist, wird die NSA womöglich über Speicherkapazitäten von einem Yottabyte verfügen – rund 500 Trillionen oder 500’000’000’000’000’000’000 Textseiten.

Angeliefert wird der gigantische Info-Schatz von den weltweiten Installationen der NSA, darunter vier geostationäre Satelliten, die auf allen Kontinenten mithören. Auf Hawaii fangen 2700 NSA-Mitarbeiter E-Mails und Telefonate aus Asien ab, in San Antonio in Texas konzentrieren sich weitere 2000 Angestellte auf den Nahen und Mittleren Osten sowie auf Europa. Nahe Denver in Colorado sind 850 Mitarbeiter damit beschäftigt, die von den Satelliten eingefangenen Daten zu sortieren, in Augusta in Georgia bearbeiten weitere 4000 Spione abgefangene Informationen aus Europa, Lateinamerika sowie dem Nahen Osten.

Neue Supercomputer sollen bisher Verschlüsseltes knacken

Laut Insidern hat die NSA nahezu alle wichtigen Kabelverbindungen rund um die Welt angezapft. Ob Unterwasserkabel oder Verbindungen zu Land: Die NSA ist dabei. Bamford zufolge sollen in Bluffdale zudem Informationen gespeichert werden, deren Verschlüsselung bislang nicht geknackt werden konnte. Zu diesem Zweck baue die NSA in Oak Ridge in Tennessee Supercomputer, die selbst die schnellsten bislang gebauten Rechner in den Schatten stellten. Damit hofft der Dienst, sogar raffiniert kodierte Kommunikation entschlüsseln zu können.

baz.ch/Newsnet

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