Die sinnlos teure Schnüffelei

Abhör-Skandal

Das Ausspionieren der Bürger durch die US-Geheimdienste kostet die Wirtschaft bis zu 180 Milliarden Dollar. Eine Studie zeigt jetzt: Das Abhorchen ist zu teuer – und zu wenig wirksam.

Das Zentrum der Schnüffelei: Hauptquartier der NSA in Fort Meade, Maryland.

Das Zentrum der Schnüffelei: Hauptquartier der NSA in Fort Meade, Maryland.

(Bild: Keystone)

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Im Januar kündete IBM an, für 1,2 Milliarden Dollar 15 neue Datenzentren bauen zu wollen. Oder präziser: bauen zu müssen. Denn freiwillig nimmt der IT-Konzern diese Investition nicht vor. Vielmehr forderten Auslandkunden den Bau neuer Server-Anlagen ausserhalb der USA, weil sie befürchteten, die National Security Agency könnte sich Zugang zu den IBM-Servern in den USA verschaffen und vertrauliche Daten absaugen. IBM ist nicht allein: Auch Salesforce wird neue Datenzentren im Ausland bauen, und Amazon bietet den Kunden die Option an, die Daten in einer der zehn Infrastrukturregionen ihrer Wahl abzuspeichern.

Dies sind nur einige der offensichtlichsten Folgekosten, die der NSA-Überwachungsapparat für die US-Wirtschaft verursacht. Längerfristig mehr ins Gewicht fällt die Verlagerung von Aufträgen von amerikanischen IT-Konzernen zu europäischen und asiatischen Konkurrenten. So berichten mehrere europäische Mail-Anbieter von einer stark wachsenden Nachfrage. Der norwegische Provider Runbox etwa meldet ein Plus von 34 Prozent, weil sich Kunden von US-Diensten wie Gmail abwendeten.

Der NSA-Skandal macht auch möglich, was die EU und Brasilien zuvor während Jahren vergeblich versucht hatten. Beide Seiten einigten sich Ende Februar auf ein Wirtschaftsabkommen, um die technologische Abhängigkeit von den USA zu verringern. Geplant ist, ein neues Unterseekabel zwischen Portugal und Brasilien zu legen. Betrieben werden soll es von einer spanischen und einer brasilianischen Gesellschaft – mit der erklärten Absicht, jeden Zugriff durch US-Firmen zu verhindern und die Gefahr des Datenklaus durch die NSA abzuwehren.

US-Firmen kämpfen gegen das China-Syndrom

Selbst die Zusicherung von Präsident Obama, den Schnüffelstaat zu bändigen, änderte nicht viel an diesem Bild. Denn der NSA soll nur das Sammeln von Telefonmetadaten untersagt werden. Der Zugriff auf Mails, mobile Applikationen und andere Formen der digitalen Kommunikation ist und bleibt möglich. «Es ist für alle IT-Firmen klar, dass diese Massnahmen ihre Gewinne schmälern werden», sagte Daniel Castro von der Information Technology und Innovation der «New York Times». Er schätzt, dass die Branche im Jahr 2016 deswegen bereits 35 Milliarden Dollar verlieren wird. Forrester Research, eine führende Marktforschungsfirma, geht von Folgekosten der Schnüffelei von bis zu 180 Milliarden Dollar aus. Das wären 25 Prozent der IT-Umsätze in den USA.

Die Lage der amerikanischen Firmen erinnert inzwischen gemäss IT-Experten in ironischer Art und Weise an den chinesischen Techkonzern Huawei. Huawei wurde durch Vorwürfe von US-Politikern in die Enge getrieben und musste mehrere Firmenkäufe und Grossprojekte abbrechen. Die Verdachtsmomente indessen, wonach Huawei im Sold der chinesischen Volksarmee stehe und Daten absauge, wurden in der Folge weder geklärt noch bestätigt.

Die unentdeckten Sprengsätze

Doch in den USA stellte auch eine klassische Kosten-Nutzen-Analyse die staatliche Schnüffelei infrage. Charles Hooper von der Hoover Institution on War, Revolution, and Peace an der Stanford-Universität in Kalifornien hat den Aufwand und den Ertrag der NSA untersucht und kommt zum Schluss, dass des verdeckte Datensammeln unter dem Strich mehr Schaden als Nutzen bringt. Mittels einer Sensitivitätsanalyse, wie sie auch in der Krebserkennung der Medizin verwendet wird, kommt Hooper zum Schluss, dass die NSA für jeden aufgedeckten Terroristen 475'000 unbescholtene Bürger als verdächtige Personen überwachen müsste.

Hooper geht von der Annahme aus, dass sich derzeit 1000 Terroristen in den USA aufhalten, eine Annahme, die er nach eigenen Worten als weit übertrieben erachtet. Wollte die NSA tatsächlich tausend vermutete Attentäter finden, müsste sie gemessen am aktuellen Aufwand 14 Billionen Dollar einsetzen. Dies entspricht fast dem gesamten Bruttoinlandprodukt der USA.

Dieser hypothetischen Summe aber steht die Tatsache gegenüber, dass die US-Behörden einen relativ schlechten Erfolgsausweis beim Aufspüren von Gefahren haben. So etwa zeigten verdeckte Untersuchungen der Flughafenkontrollen in Los Angeles und Chicago, dass die Beamten nur 25 Prozent bzw. 40 Prozent von absichtlich versteckten Waffen und Sprengsätzen in den Gepäckstücken finden konnten. Es gibt keinen Grund zur Annahme, so Charles Hooper, dass die NSA die Milliardensätze an Daten besser auswerten kann als die Flughafenbeamten. Das Absaugen und Abhorchen sei schlicht zu teuer und zu wenig wirksam und sollte deshalb ganz abgeschafft werden.

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