Die neuen Mafiajäger schlagen zu

Analyse

Das FBI und die US-Börsenaufsicht gehen gegen fehlbare Hedgefonds und Banken vor wie einst die Gesetzeshüter gegen Al Capone und die Mafia.

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Philipp Löpfe

«The Untouchables» ist eine legendäre amerikanische TV-Serie. Sie dreht sich um furchtlose FBI-Agenten und ihren Kampf gegen die Mafia zur Zeit der Prohibition. Beide Seiten griffen kompromisslos an: Die Gangster erschossen Rivalen und Verräter in den eigenen Reihen gleich im Multipack, die Gesetzeshüter konnten sich auf Spezialgesetze (Rico) verlassen, die ihnen weitgehend freie Hand in ihrer Ermittlungsarbeit gewährten.

Die gewöhnliche Kriminalität ist in den USA auf ein historisch tiefes Niveau gesunken. Drogenhandel und Strassengangs sind aus den Schlagzeilen verschwunden. Dafür gibts verschiedene Gründe: weniger junge Männer, effizientere Polizeitaktik, bessere Verbrechensverhütung und die Tatsache, dass es sich immer weniger lohnt. Dafür nimmt die sogenannte White-Collar-Kriminalität zu, Betrügereien im Finanzbereich und neuerdings vor allem im Internet.

«The Untouchables» werden wieder aktiv

In den Nullerjahren hat man – es war die Zeit von George W. Bush – der White-Collar-Kriminalität wenig Beachtung geschenkt. Die einst gefürchtete US-Börsenaufsicht, die SEC, war handzahm geworden. Der Milliardenflop um den Betrüger Bernard Madoff, eine neue Sensibilität gegenüber Banken und finanzielle Betrügereien haben dies geändert. «The Untouchables» werden wieder aktiv, diesmal gegen Insiderhandel und Finanzbetrügereien. Exemplarisch zeigt dies der Fall des Hedgefonds SAC Capital (wir berichteten).

SAC Capital wurde 1992 von Steve A. Cohen gegründet. Cohen hat zunächst mit mathematischen Modellen und raffinierten Algorithmen operiert und dabei bis zu dreimal mehr verdient als seine Konkurrenten. Oft soll er nicht einmal gewusst haben, was die Unternehmen, deren Aktien er handelte, hergestellt haben. Reiner Handel stösst jedoch an Grenzen. 2004 stellte Cohen daher ein umfangreiches und hoch bezahltes Team von Analysten auf die Beine. Heute arbeiten in Stamford, Connecticut, rund 1000 Mitarbeiter für SAC.

Der Verdacht erhärtete sich

Die sagenhaften Gewinne liessen die Behörden misstrauisch werden. War es wirklich ein Zufall, dass SAC im Jahr 2006 im grossen Stil Aktien der Firma Red Robin Gourmet Burgers Inc. abstiess, kurz bevor enttäuschende Zahlen bekannt wurden? Die Liste solcher Vorfälle wurde länger, der Verdacht erhärtete sich. SEC und FBI nahmen SAC-Manager gezielt unter die Lupe – und wurden fündig. Inzwischen haben sie acht von ihnen wegen Insiderhandels angeklagt, vier davon sind geständig.

Die beiden spektakulärsten Fälle betreffen Mathew Martoma und Michael S. Steinberg. Beide sind Portfolio-Manager bei SAC, beide werden des Insiderhandels verdächtig, und beide haben möglicherweise Steve Cohen direkt miteinbezogen. Martoma soll vorzeitig von schlechten Testresultaten bei zwei Pharmaunternehmen erfahren und dieses Wissen für Aktienverkäufe verwendet haben, Steinberg wird das gleiche Vergehen im Zusammenhang mit dem Computerhersteller Dell vorgeworfen. Beide bestreiten die Vorwürfe. Was ihre Fälle jedoch brisant macht: Beide hatten direkten Kontakt zu Cohen.

Die Untouchables haben Blut gerochen

Wer einmal in die Mangel der Finanzbehörden gerät, hat heute nichts mehr zu lachen. Auch kleine Fische können zu hohen Gefängnisstrafen verdonnert werden – es sei denn, sie geben ihr Wissen preis. Systematisch arbeiten sich die Ermittler vor, bis sie genügend Beweise haben, um auch die Bosse anzuklagen. Bei SAC scheint dieser Punkt erreicht zu sein. Es wird allgemein erwartet, dass gegen den Hedgefonds demnächst eine offizielle Klage eingereicht wird. Steve Cohen selbst dürfte davon nicht direkt betroffen sein.

Im März hat SAC bereits eine Busse von 616 Millionen Dollar gezahlt, allerdings ohne Schuldeingeständnis. Zur allgemeinen Verblüffung wurden die Verfahren nicht eingestellt. FBI und SEC haben offenbar Blut gerochen, und sie wissen, dass kleinste Vergehen grosse Wirkung haben können. Al Capone wurde seinerzeit auch nicht wegen Mordes hinter Gitter gebracht, sondern wegen Steuerbetrugs.

baz.ch/Newsnet

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