Das Outing der Ungläubigen

Hintergrund

Am Wochenende fand in Washington der grösste Säkularisten-Event der Geschichte statt. Religionsexperte Hugo Stamm über die wachsende Zahl an Nichtgläubigen in den USA.

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Nina Merli@nmerli

Sie trotzten dem Regenwetter und versammelten sich am vergangenen Samstag zu Tausenden auf der National Mall in Washington. Sie hielten Transparente mit Botschaften wie «Smile, there is no hell» oder «Hi Mom, I'm an Atheist» in die Luft und protestierten an der ersten Reason Rally 2012 (Kundgebung der Vernunft) für eine Ablehnung der Idee von Gott. Laut Veranstalter handelte es sich um die «grösste Coming-Out-Party» für die am schnellsten wachsende religiöse Gruppierung der USA, die Nichtgläubigen.

Gesponsert wurde die Veranstaltung von rund 20 atheistischen, humanistischen und säkularen Gruppierungen der USA. Als einer der wichtigsten Redner trat der britische Wissenschaftler und Autor Richard Dawkins («Der Gotteswahn», «Die Schöpfungslüge») auf. Der bekennende Atheist unterstützte vor einigen Jahren gemeinsam mit der British Humanist Association in London die «Atheist Bus Campaign»: Mit Zeilen wie «There's probably no god. Now stop worrying and enjoy your life» («Möglicherweise gibt es keinen Gott. Jetzt höre auf, dir Sorgen zu machen, und geniesse dein Leben!») sollte das atheistische Bewusstsein gefördert werden.

Unbeachtet, aber zahlreich

Ein Sprecher der Richard-Dawkins-Foundation gab in einer Pressemitteilung der Reason Rally bekannt, dass es in der Politik auch Raum brauche für ungläubige Politiker und es höchste Zeit sei, «die immer grösser werdende säkulare Bewegung zu beachten». Zahlen bestätigen den angesprochenen Trend: Laut dem renommierten «American Religious Identification Survey» (Aris) des Trinity College im Staat Connecticut bezeichnen sich mittlerweile 15 Prozent der Amerikaner (rund 34 Millionen) als nicht gläubig – sie bilden damit hinter Katholiken und Baptisten die drittgrösste Gruppe. Religionsexperte und Autor Hugo Stamm kann die Anliegen der Veranstalter nachvollziehen. Der weit verbreitete religiöse Fundamentalismus, der beim Wahlkampf sichtbar werde, erschrecke aufgeklärte Menschen. «Dass religiöser Fundamentalismus in der Politik einen solch dominanten Einfluss hat, wirkt wie ein geistiger Rückfall ins Mittelalter», sagt Stamm zubaz.ch/Newsnet. «Kreationismus wird gepredigt, Abtreibungen verdammt, Homosexualität verteufelt, Keuschheit vor der Ehe verlangt.» Da sei es verständlich, dass Atheisten zeigen wollen, dass «es auch das aufgeklärte Amerika gibt».

Kein Glaube, keine Chance

Seit Ronald Reagan gibt es in den USA praktisch keinen Spitzenpolitiker, der im Wahlkampfrummel nicht auf die eine Karte setzt: den medienwirksam inszenierten Glauben. Wie kein anderer vor ihm trug der ehemalige Hollywoodstar Reagan seine Gottesfurcht zur Schau. Er unterbrach seine Reden, um das versammelte Volk zum stillen Gebet aufzufordern und führte das lang vergessene «God bless America» wieder ein.

Seither wird die religiöse Zugehörigkeit eines Politikers etwa gleich gewichtet wie seine Ausbildung und bisherige politische Laufbahn. Es erstaunt auch nicht, dass nebst wirtschaftlichen und aussenpolitischen vor allem religiöse Fragen – wie etwa Abtreibung oder Homo-Ehen – im Wahlkampf genutzt werden, um auf Stimmenfang zu gehen. So verdankte etwa George W. Bush seine Siege (2000 und 2004) den weissen Evangelikalen, die laut Schätzungen rund 20 bis 25 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen.

Und auch im aktuellen US-Präsidentschaftswahlkampf kann man beobachten, welch wichtige Rolle die Religion spielt. Denn ein Atheist oder nur schon ein Agnostiker hätte in den USA laut Hugo Stamm keine Chance. «Obwohl kaum ein anderes Land die Religionsfreiheit so hochhält, sind die USA das wohl am stärksten religiös verwurzelte Land der westlichen Welt.» Dies sei einer «der verstörenden Widersprüche dieses schwer verständlichen Landes». In einem Interview mit dem «Vatican Insider» brachte Thomas Reese, der ehemalige Chefredaktor des katholischen Magazins «America» die Politsituation auf den Punkt: «Ohne die katholischen Stimmen wird Barack Obama die Wahlen verlieren.» So setzt derweil Rick Santorum, ein erzkonservativer, tiefgläubiger Katholik, im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur seinen Glauben gezielt ein: Er erarbeitet einen Gesetzentwurf für Religion am Arbeitsplatz (Workplace Religious Freedom Act, WRFA), setzt sich vehement gegen Abtreibungen ein und nützt jede Chance, um gegen Homosexuelle zu wettern.

baz.ch/Newsnet

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