Makaberes Mahnmal

Eine radikale Gruppierung exhumiert Holocaust-Opfer für schiefe historische Vergleiche. Das ist ein ganz übler Fehltritt.

So sieht sie aus, die geschmacklose Gedenkstätte. Foto: Keystone

So sieht sie aus, die geschmacklose Gedenkstätte. Foto: Keystone

Sebastian Briellmann

Für was man sich hält und wie man von anderen wahrgenommen wird, steht nicht selten gegensätzlich zueinander. Ein besonders auffälliges Exemplar stellt das deutsche «Zentrum für politische Schönheit» (ZPS) dar, bestehend aus selbst ernannten «Aktionskünstlern», die ihr Treiben als «radikale Form des Humanismus» sehen. Gegründet wurde es von Philipp Ruch (38), einem deutsch-schweizerischen Philosophen.

Besser bekannt wurde Ruch bei uns vor vier Jahren, als er im Strassenmagazin «Surprise» mit einem Inserat für sein Theaterstück warb – mit dem unterirdischen Titel «Tötet Roger Köppel!». Er war überzeugt, dass Köppel sterben müsse, «Im Namen der Menschheit». Das ist ungefähr das Niveau, wenn man das überhaupt so nennen darf, auf dem das ZPS agiert – selbst bei legitimen Protestaktionen, etwa gegen den rechtsextremen Björn Höcke, hat sich die Gruppierung mit fragwürdigen Aktionen selber diskreditiert.

Nun hat sich das Zentrum am Montag einen weiteren üblen Fehltritt geleistet: In Berlin, gegenüber dem Reichstag, hat es eine Gedenkstätte mit der «Asche der Ermordeten Hitlerdeutschlands» errichtet – gegen den Verrat der Demokratie. Eine Nummer kleiner geht es offenbar nicht. Dazu habe man, und jetzt wird es ziemlich unangenehm, «Knochenkohle, sedimentierte Asche und menschliche Fragmente» ausgegraben, unter anderem aus der Nähe von Auschwitz. Die Gedenkstätte ist bis Samstag genehmigt (wer genehmigt so etwas?), und an diesem Tag soll sie Sinnbild sein für einen «zivilgesellschaftlichen Zapfenstreich gegen die AfD».

Wie oft sollen tote Juden denn noch instrumentalisiert werden?

Dafür exhumiert man Überreste von Holocaust-Opfern, von brutal ermordeten Juden also (oder behauptet es zumindest – aber ist das besser?). Man könnte durchaus wissen, dass ein jüdischer Friedhof auf ewig besteht, Gräber nicht neu belegt werden, um die Totenruhe zu sichern – und im Judentum auch keine Kremation, sondern eine Erdbestattung vorgesehen ist.

Dass sich das «Zentrum für politische Schönheit», übrigens eine furchtbar irreführende Bezeichnung, sich darüber selbstherrlich mit Exhumierungen hinwegsetzt, ist makaber. Es genügt auch nicht als Erklärung, wenn die Verantwortlichen sagen, in vielen Gesprächen mit Juden habe man Zustimmung für sein Tun erfahren. Das mag sein, aber selbst wenn: Wie kann man sich erdreisten, für eine Gesamtheit zu sprechen?

Die Reaktion vieler Juden war dann auch nicht positiv, im Gegenteil; in ihren Voten waren sie entgeistert, enttäuscht, empört. Aus gutem Grund – und gefolgt von der berechtigten Frage, wie oft tote Juden denn noch instrumentalisiert werden sollen. Es ist unglaublich, dass einflussreiche Medien wie die «Süddeutsche Zeitung» die Aktion als «eindrücklich» lobpreisen – oder der «Tagesspiegel» das Mahnmal als «drastisch und notwendig» ansieht. Anders sehen es jene, die es einfach besser wissen: Das Internationale Auschwitz Komitee schreibt: «Auschwitz-Überlebende sind bestürzt darüber, dass mit diesem Mahnmal ihre Empfindungen und die ewige Totenruhe ihrer ermordeten Angehörigen verletzt werden. Die Vorstellung, dass die Asche ihrer ermordeten Familienmitglieder zu Demonstrationen durch Europa transportiert wird, ist für sie nur schwer erträglich. Auch wenn sie die politische Absicht der Initiatoren verstehen und respektieren, halten sie diese Art der Demonstration für pietätlos.»

Und das American Jewish Committee schreibt: «Die Asche der Ermordeten eignet sich nicht für schiefe historische und politische Vergleiche.» Die Opfer würden so noch mal entwürdigt und entmenschlicht. Die Stellungnahmen der beiden Komitees sagen alles über die Geschmacklosigkeit des ZPS und seiner seltsamen Bewunderer aus.

Spannend bleibt die Frage, ob die Aktion ein juristisches Nachspiel hat: Der Grünen-Politiker Volker Beck etwa hat Strafanzeige beim Staatsschutz erstattet, wie er auf Twitter schreibt: «Falls es sich tatsächlich um die Asche von in der Schoah Ermordeten handeln sollte, wäre dies eine strafbare Verletzung der Totenruhe.»

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