Zum Hauptinhalt springen

Abstimmung über PestizideAusgerechnet Bio Suisse brüskiert Umweltschützer

Der Vorstand der Bio-Organisation lehnt die Trinkwasserinitiative ab. Initiantin Franziska Herren wirft dem Gremium vor, die eigenen Ideale zu verraten. Morgen kommts zum Showdown.

Zu viel Gift versprüht? Zwei Volksinitiativen bekämpfen den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft.
Zu viel Gift versprüht? Zwei Volksinitiativen bekämpfen den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft.
Foto: Christian Beutler (Keystone)

Kann ein Anliegen ökologisch sein, das die führende Bio-Organisation der Schweiz ablehnt? Vor dieser Frage werden die Stimmbürger stehen, wenn sie nächstes Jahr über die Trinkwasserinitiative befindenvorausgesetzt, die Delegiertenversammlung von Bio Suisse folgt am Mittwoch der Empfehlung ihres Vorstands und beschliesst die Nein-Parole.

Das Volksbegehren fokussiert nach Einschätzung des Vorstands einseitig auf die Landwirtschaft, die Konsumenten und die Wertschöpfungskette dagegen nehme es nicht in die Verantwortung. «Die Probleme mit schwindender Artenvielfalt und Umweltbelastungen durch den Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide können die Bauern allein nicht lösen», sagt Bio-Suisse-Sprecher David Herrmann. Die Initiative fordert unter anderem, dass der Bund nur noch eine pestizidfreie Produktion subventioniert.

Initiantin Franziska Herren zeigt sich irritiert: «Der Vorstand nimmt in Kauf, dass weiterhin Milliarden von Franken in eine Lebensmittelproduktion fliessen, die unsere Lebensgrundlagen zerstört und unser Trinkwasser verschmutzt.» Damit sei er vom selbst deklarierten Weg einer umweltverträglichen Lebensmittelproduktion abgekommen. Der Vorstand von Bio Suisse sieht das anders: Die Biobauern würden auf chemisch-synthetische Pestizide und Kunstdünger verzichten, die Futtermittelzufuhr beschränken, die Biodiversität fördern und das Klima entlasten.

Lobbying hinter den Kulissen

Für Dissens sorgen auch Details im Initiativtext. So etwa sollen neu nur noch jene Bauern Subventionen erhalten, die ihren Tierbestand «mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter» ernähren können. Einige Hundert Biobetriebe im Hühner- und Schweinebereich von total rund 7500 Biobetrieben im Landkönnten diese Vorgabe nicht erfüllen, warnt der Bio-Suisse-Vorstand in einem Schreiben, das dieser Zeitung vorliegt. Herren dagegen verweist auf den Bundesrat, der in seiner Botschaft zur Initiative klargestellt hat, dass ein Betrieb auch eine Betriebsgemeinschaft sein könne. Futter und Hofdünger könnten also im regionalen Rahmen zugekauft werden, folgert Herren. Die Initiantin hat Ende Oktober an die Delegierten von Bio Suisse appelliert. Die Initiative wende sich «in keiner Weise gegen Sie» als biologisch wirtschaftende Landwirte, heisst es im Brief, der dieser Zeitung vorliegt.

Anders als die Trinkwasserinitiative geniesst die zweite Anti-Pestizid-Initiative, die nächstes Jahr an die Urne kommt, die Unterstützung des Bio-Suisse-Vorstands. Das Volksbegehren will nicht nur den Einsatz synthetischer Pestizide in der Schweiz verbieten, sondern auch die Einfuhr jener Lebensmittel, die solche enthalten oder mithilfe solcher hergestellt worden sind. Hier werde die ganze Wertschöpfungskette in die Pflicht genommen, argumentiert der Bio-Suisse-Vorstand, Importe würden gleich behandelt wie einheimische Produkte.

Wird Initiative zum Bumerang?

Mit der Zustimmung zur Pestizidverbotsinitiative ist auch klar: Bio Suisse rechnet nicht damit, dass das Volksbegehren zum Bumerang für die Biobauern wird. Möglich ist es aber, denn der Initiativtext lässt offen, was der Begriff «synthetische Pestizide» genau meint. Auch wenn der Eindruck in der Öffentlichkeit ein anderer sein mag: Auch Biobauern dürfen in gewissen Fällen nach der Spritze greifen. Sie setzen dabei Substanzen ein, die in der Natur vorkommen, aber im Labor hergestellt werden, etwa Eisenphosphat, also synthetisierte naturidentische Pestizide.

Je nach Auslegung des Begriffs, schreibt der Bundesrat in seiner Botschaft zur Initiative, könnte vom Volksbegehren also auch die Biolandwirtschaft betroffen sein. «Dies könnte Konsequenzen für dieses Produktionssystem zur Folge haben.» Bio Suisse verweist dagegen auf die Initianten, die laut ihren Argumentarien unter anderem synthetisierte naturidentische Pestizide vom Verbot ausnehmen wollen. Über die genaue Definition des Begriffs «synthetische Pestizide» müsste freilich das Parlament in einem Ausführungsgesetz entscheiden. Bio-Suisse-Sprecher Herrmann ist aber zuversichtlich: «Wir zweifeln nicht daran, dass das Parlament im Sinne der Initianten handeln würde.»

30 Kommentare
    Patrick Vuillème

    Die Positionierung des Bio Suisse Vorstands ist unverständlich und für die Organisation kontraproduktiv:

    - Nicht genügend Futter im Betrieb: In seiner Botschaft schreibt der Bundesrat, die Betriebsgemeinschaften seien als „Betrieb“ im Sinne der Initiative zu behandeln. Landwirte können also unter sich Futter teilen, und es ist nicht verständlich, wieso hunderte von Biobetrieben im Hühnerbereich die Vorgabe nicht erfüllen könnten.

    - Private Pestizidbenützer nicht in die Verantwortung genommen: Das stimmt und muss es so sei, weil die Initiative nur die Subventionierung neu regelt – und Private erhalten bekanntlich keine Subventionen. Falls die Initiative auch diese Frage der Private abhandeln würde, würde es die Einheit der Materie verletzen, und die Volksinitiative müsste deshalb als ungültig erklärt werden.

    Wenn aber der Einsatz von Pestiziden seitens von Privaten für die Bio Landwirte effektiv problematisch ist, kann dies im Rahmen des Umsetzungsgesetzes gelöst werden. Bio Suisse – wie auch der Schw. Bauernverband, der die gleiche Kritik formuliert! – könnte die Parlamentarier dazu auffordern, auch den Einsatz von Pestiziden durch Private im Gesetz einzuschränken. Dies würde mich als langjähriger Bio Suisse Konsument und Steuerzahler sehr freuen.

    Es liegt nun an die Delegiertenversammlung von Bio Suisse zu entscheiden, ob ihre Organisation sich in den Augen der Bio-Konsumenten blamieren soll.