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Zwischen Buus und RickenbachAusgeheckt hoch oben in der Krone eines Kirschbaums

Der etwas andere Kiosk steht auf einer Passhöhe und zieht inzwischen sogar Stammgäste an

Unter dem schönen Lindenbaum kann man eine überraschende Entdeckung machen.
Unter dem schönen Lindenbaum kann man eine überraschende Entdeckung machen.
Foto: Florian Bärtschiger

«Läck mir, da steht doch mitten in der Pampa ein Kiosk.» Gestaunt soll sie haben, die Basler Wanderin, als sie ungläubig vor dem Naturkiosk von Kerstin Rüttimann und Kurt Willi stand. Eine Szene, die in seiner Erinnerung haften geblieben sei, erzählt Willi. Seit bald zwei Jahren betreibt er mit seiner Partnerin den ungewöhnlichen Kiosk auf der Buuseregg, der Passhöhe zwischen Buus und Rickenbach. Hier gibt es keine Zigaretten zu kaufen. Keine Lottozettel abzugeben. Hier gibt es frische Produkte aus der Landwirtschaft und Süsses aus eigener Produktion.

Alles begann im Juli 2018 hoch oben in der Krone eines Kirschbaums. Rüttimann und Willi halfen ihrem Vermieter, Urs Koch vom Hof Erliacker, die Kirschenernte einzubringen. Wegen eines Überangebots an Kirschen konnte die Landi Koch jedoch nicht so viel Früchte abnehmen, wie dieser gerne losgeworden wäre. Kurt Willi schlug vor, die Kirschen auf der Buuseregg zu verkaufen. Dies sei ein idealer Ort und das Grundstück zudem im Besitz von Koch. Zur Antwort habe er erhalten: «Das kannst du vergessen, funktioniert nicht.»

Urs Kochs «Enthusiasmus», wie es Kurt Willi nennt, habe ihn angetrieben. Bereits am folgenden Sonntag schlugen er und Kerstin Rüttimann ein Verkaufszelt auf der Buuseregg auf. Die Kirschen bewarben sie mit einem Transparent am Strassenrand. «Kirschen und…», war in grossen, roten Lettern zu lesen. Der Buusner Naturkiosk war geboren. «Es gibt praktisch keinen besseren Ort», sagt Willi. Parkplätze, Bushaltestelle, eine Strasse, die das Fricktal mit dem Ergolztal verbindet, sich kreuzende Wanderwege – alles da.

Kerstin Rüttimann und Kurt Willi mit Hündin Selice vor ihrem Naturkiosk.
Kerstin Rüttimann und Kurt Willi mit Hündin Selice vor ihrem Naturkiosk.
Foto: Florian Bärtschiger

Erste Gehversuche in Basel

Das Konzept Naturkiosk wurde nicht auf der Buuseregg geboren. Willi und Rüttimann starteten zwei Versuche in Basel. Einen an der Reinacherstrasse, den andern im Breite-Quartier. Willi bemerkt, Städterinnen und Städter würden stets erwarten, dass Zigaretten verkauft und Lottozettel angenommen würden, wenn sie Kiosk läsen. Alles andere treffe nicht auf grosses Verständnis.

«Zuerst dachte ich mir, dieses Konzept mit den Produkten vom Bauernhof funktioniert nicht auf dem Land», sagt Willi, «doch erstaunlicherweise verkaufen wir hier viel besser als in der Stadt.» Vom Erfolg positiv überrascht, öffneten Kurt Willi und Kerstin Rüttimann den Kiosk fortan jeden Sonntag. Neben den Kirschen waren schon bald Mirabellen, Zwetschgen, Äpfel, frischer Most, Selbstgebackenes sowie Konfitüren im Angebot.

Der Herbst kam, es wurde kühler, also nahm Kurt Willi kurzerhand die Stichsäge in die Hand. Aus einem alten Esterel-Klappwohnwagen baute er einen besseren Schutz vor der Kälte. Weil dieser dem Wind zum Opfer fiel – «wenn es hier oben stürmt, tobt der Wind so grausam wie in den Bergen» – ist heute bereits ein Nachfolgemodell im Einsatz. Bald bestückt mit einer Solaranlage. Sie soll die nötige Energie liefern, um den Kaffee heiss zu machen und das Bier kühl zu halten.

Eine hochwillkommene Anlaufstelle, um landwirtschaftliche Produkte zu kaufen.
Eine hochwillkommene Anlaufstelle, um landwirtschaftliche Produkte zu kaufen.
Foto: Florian Bärtschiger

Corona: Gut fürs Geschäft

Corona hat das Geschäft beflügelt. «Ich starb fast vor Arbeit», beschreibt Kurt Willi den Aufwand in der Produktion. Seine Osterhasen gingen weg wie die berühmten warmen Semmeln. Mit seinen 66-Jahren ist Willi selbst Teil der Risikogruppe. «Viele, gerade ältere Leute, erzählten, sie gingen eigentlich nicht mehr aus dem Haus, hätten jemanden, der für sie einkauft», so Kerstin Rüttimann. Sie seien jedoch froh, wenn sie in Ferienabwesenheit ihrer Helfer den Naturkiosk aufsuchen könnten. Rüttimann passte das Sortiment an die neuen Bedürfnisse an. Mehr Butter, Joghurt.

Stühle und Tische sind noch weggeräumt, damit sich keine Menschenansammlungen bilden. Mit einem Augenzwinkern mahnt ein Schild, zwei Meter Abstand zu halten: «Der Kunde ist König.» Aber: «Bis auf weiteres muss die Monarchie der Pandemie weichen.» Inzwischen freuen sich Rüttimann und Willi über Stammgäste. Stammgäste wie Mary aus Möhlin.

Mary ist gerade vom Rennrad gestiegen und holt sich einen Kaffee mit Apfelrolle. «Ich lernte den Kiosk während der Corona-Zeit kennen, als man nicht einmal einen Kaffee auswärts trinken konnte», erzählt sie, «ein spezieller Ort.» Sie schätze die familiäre Atmosphäre. Oft sei sie mit ihrem Partner zu Gast. «Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, fahre ich jedes Mal hier vorbei.»

Wenn Maya Graf hinter dem Tresen steht

In den vergangenen Wochen hätten sich die Gespräche mit den Kundinnen und Kunden oft um Corona gedreht. «Aber grundsätzlich wird hier über dieselben Themen geredet wie in einer ganz normalen Quartierbeiz», ergänzt Willi. Ein bisschen anders war das vor den National- und Ständeratswahlen im Herbst 2019. «Mir wird ständig nachgesagt, ich sähe aus wie Maya Graf», erzählt Rüttimann, «während der Wahlen hörte ich das täglich.» Auch das Alter stimmt. Das Angebot wäre wohl ganz nach dem Geschmack der grünen Baselbieter Ständerätin.

Der nächste Kraftakt steht bevor. Pfingsten. Da kommen viele Wanderer. Will man Willi Glauben schenken, wird dann ganz viel Glace nachgefragt werden. Da trifft es sich gut, dass die zwei vom Naturkiosk vor kurzem eine Vereinbarung mit der Heilsarmee treffen konnten. Sie dürfen nun die moderne Küche im nahe gelegenen Heilsarmee-eigenen Ferienzentrum Waldegg zur Glaceproduktion nutzen. Die Glace für Staunende vor dem Kiosk in der Pampa. «Läck mir.»

Erdbeeren in Bio-Qualität: Wer kann da widerstehen?
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Foto: Florian Bärtschiger