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Bluttat in Rot am See (D)Aus Hass auf die Mutter

Sechs Menschen tot, zwei weitere schwer verletzt. Die Tat in dem kleinen württembergischen Ort konnte niemand verstehen. Jetzt hat sich der mutmassliche Mörder vor Gericht erklärt.

Adrian S. sagt: «Meine Männlichkeit ist mir das Wichtigste.»
Adrian S. sagt: «Meine Männlichkeit ist mir das Wichtigste.»
Foto: Keystone

Es ist eine gespenstische Szene im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Ellwangen: Da sitzt Adrian S., dieser grosse, schlanke junge Mann mit schmalem Gesicht, braunem Wuschelkopf, dezenter Brille, und schildert in ganz ruhigem, sachlichem Ton, wie er im Januar dieses Jahres sechs Menschen erschossen hat: seinen Vater, seine Mutter, seine Halbschwester, seinen Halbbruder, seinen Onkel und dessen Frau.

Keine Tat im Affekt, sondern von langer Hand geplant, auch wenn am Ende mehr Menschen in ihrem Blut lagen als er eigentlich vorgehabt hatte. Der Angeklagte erzählt, wie er sich hinter einer Glastür im ersten Stock auf die Lauer legte, in dem Haus in dem kleinen Städtchen Rot am See , in dem sein Vater seit vielen Jahren eine Gastwirtschaft betrieb. Wie er noch überlegte: Mach ichs, mach ichs nicht? «Dann kamen mein Vater und meine Mutter die Treppe hoch, und ich konnte nicht mehr unbemerkt weg. Ich trat vor, und fing an, auf meinen Vater zu schiessen.»

Die Mutter rannte die Treppe hinunter, schrie um Hilfe. «Ich rannte hinterher, ich hatte Gelegenheit, sie in den Rücken zu schiessen.» Am Fuss der Treppe tritt ihm ein Mann entgegen, er schreit: «Adrian, nein!» «Ich glaube, es war mein Bruder Holger, ich gab mehrere Schüsse auf ihn ab.»

Er schiesst auf jeden, der ihm in den Weg kommt – die Schwester seines Vaters, deren Mann – beide werden tödlich getroffen. «Dann bin ich in den Hinterhof, weil ich dort meine Schwester vermutet habe.» Die Schwester, die er unbedingt töten wollte. «Sie sass auf einer Bank, kümmerte sich um den schwer verletzten Bruder. Ich habe ihr die Waffe nah vors Gesicht gehalten und abgedrückt.»

Dann, sagt Adrian S., sei ihm der Gedanke gekommen, dass die Mutter vielleicht nicht tot sein könnte. «Ich ging in die Küche, um nachzuschauen. Sie lag auf dem Bauch, hat noch den Kopf gehoben. Ich habe ihr einen Kopfschuss gegeben, um sicher zu sein, dass sie tot ist.»

Die Geschichte beginnt schon vor der Geburt

Das war der letzte Schuss. 30 Patronen hatte S. verfeuert aus der Pistole, die er erst wenige Tage zuvor ganz legal gekauft hatte, weil er in einem Schützenverein die Berechtigung zum Waffenbesitz erworben hatte – auch das Teil des seit Jahren gehegten Plans.

Aber es waren immer noch 15 Schuss im Magazin, als er von draussen eine Stimme hörte: «Mama, Mama». Der 14-jährige Sohn der Frau, die er soeben erschossen hatte. «Er kam mir entgegen und sagte: Tu mir nichts.» Adrian S. schoss nicht. Er habe sich selbst die Pistole an den Kopf gehalten, «aber ich hatte nicht den Mumm abzudrücken. Dann habe ich die Polizei angerufen und gesagt, ich möchte mich stellen.»

Sechs Familienmitglieder tot, zwei weitere Verwandte schwer verletzt – es war eine Tat, die niemand verstehen konnte. Am ersten Tag des Prozesses vor dem Landgericht Ellwangen hat Adrian S. versucht zu erklären, wie der Hass auf seine Eltern und seine Halbschwester Carolin in ihm gewachsen ist.

«Mir kam der Gedanke, dass sie dafür sterben muss»: Adrian S. über seine Mutter
«Mir kam der Gedanke, dass sie dafür sterben muss»: Adrian S. über seine Mutter
Foto: Keystone

Es ist eine Geschichte, die schon vor der Geburt des heute 26-Jährigen begonnen hat. Adrian S. ist davon überzeugt, dass seine Mutter seit vielen Jahren versucht hat, ihn zu vergiften – nicht mit einer Substanz, die ihn hätte töten können, sondern mit einem synthetischen Östrogen – Ethinylestradiol, einem Wirkstoff, der in Antibabypillen enthalten ist. Für ihn sei das das Schlimmste, Ungeheuerlichste, was man ihm hätte antun können. «Meine Männlichkeit ist für mich mit Abstand das Wichtigste auf der Welt», sagt Adrian S.

Adrian S. kommt mit zwei Geburtsfehlern zur Welt – einer Hypospadie, einer offenen Harnröhre, und einer seltenen, in der embryonalen Entwicklung angelegten Fehlbildung der Hoden. Er glaubt, dass beides eine Folge davon ist, dass seine Mutter noch lange während ihrer Schwangerschaft mit ihm die Pille nahm, und dass darin schon der Beginn der Vergiftung gelegen habe. Er sei fest davon überzeugt, dass die Mutter ihm später immer wieder die weiblichen Hormone ins Essen gemischt habe. Mehrmals habe er sie konkret dabei ertappt.

Bei einem Krankenhausaufenthalt habe der behandelnde Arzt ihn darauf hingewiesen, dass in seinem Blut der Wirkstoff Ethinylestradion gefunden wurde, der Arzt habe deshalb sogar die Polizei informieren wollen, aber er, Adrian S., habe ihn davon abgehalten. Einmal, in einem Restaurant, habe ihn ein anderer Gast darauf aufmerksam gemacht, dass die Mutter ihm etwas in die Suppe gemischt habe.

Kameras und Bewegungsmelder im Zimmer

«Warum sind Sie denn nicht zur Polizei gegangen», fragt der Staatsanwalt. «Sie sind doch intelligent, Abitur mit 1,8. Wenn man vergiftet wird, gibt es doch Mittel, etwas dagegen zu unternehmen.» «Mir kam der Gedanke, dass sie dafür sterben muss», antwortet Adrian S. «Da geht man doch nicht zur Polizei, wenn man jemanden töten will.»

Seine Halbschwester Carolin hielt er für mitschuldig. «Sie wusste, was meine Mutter getan hat, und hat nichts dagegen unternommen», sagt S. Den Vater schloss er in seinen Mordplan ein, weil er der Mutter hörig gewesen sei: «Ein unterwürfiger Hund.»

Die Eltern von Adrian S. hatten sich schon kurz nach seiner Geburt getrennt; die Mutter mit Adrian und den beiden Kindern aus ihrer ersten Ehe lebten in Lahr in der Nähe von Freiburg. Adrian S. hatte sich in zwei Anläufen an einem Studium versucht, es beide Male abgebrochen.

Zuletzt lebte er bei seinem Vater in Rot am See, völlig zurückgezogen in seinem Zimmer, in dem er sich regelrecht verbarrikadierte, aus Angst, seine Mutter könnte bei ihren gelegentlichen Besuchen bei ihm eindringen. Zwei Überwachungskameras und Bewegungsmelder hatte er installiert, sich ausserdem einen schweren Holzbalken besorgt, mit dem er nachts die Tür verrammelte.

Als Ende Dezember 2019 seine Grossmutter in Sachsen starb, sah Adrian S. die Gelegenheit gekommen, die lang geplante Rache zu vollziehen. Die ganze Familie war in Rot am See versammelt, um von dort zur Beerdigung der Grossmutter zu fahren. Adrian S. lud drei Magazine mit je 15 Patronen, und legte sich auf die Lauer.