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Analyse zu Trumps BetrugsvorwurfAus einer Niederlage soll ein Sieg gemacht werden

Angesichts eines vermeintlich ungeheuerlichen Wahlbetrugs verlangt Donald Trumps engster Kreis unbedingte Treue zum Präsidenten. Fehlender Enthusiasmus wird angekreidet, Paranoia grassiert.

Der Präsident sprach von Wahlbetrug: Eine Trump-Befürworterin an einem Protest am Freitag in Los Angeles.
Der Präsident sprach von Wahlbetrug: Eine Trump-Befürworterin an einem Protest am Freitag in Los Angeles.
Foto: Ringo H.W. Chiu (Keystone)

Am Abend des Donnerstags, als der Himmel einzustürzen begann und Donald Trump in einem in der Geschichte der amerikanischen Präsidentschaft einzigartigen live im TV übertragenen Ausraster wegen angeblichen Wahlbetrugs zum Generalangriff blies, war nichts vor seinen Verdächtigungen sicher. Sogar geborstene Wasserleitungen hatte der Feind genutzt, um an den Urnen zu fummeln.

«In Georgia ist irgendwo eine Wasserleitung geplatzt, und dann wurde die Auszählung der Stimmen weit weg von dem Ort, wo es passiert ist, stundenlang angehalten – und daraufhin sind viele Sachen passiert», sagte Trump in seiner allgemein bestaunten Kriegserklärung an das Regelwerk der amerikanischen Demokratie.

Seitdem wird die Wahl vom Dienstag weiter ausgezählt, ohne dass sich etwas geändert hätte: Der Demokrat Joe Biden zieht dem Präsidenten langsam davon, offiziell ist Biden zwar noch nicht Präsident, viel aber fehlt ihm dazu nicht mehr. Trump wiederum will es nicht hinnehmen, weil nichts seine Psyche mehr beschädigte als das Etikett, ein Loser zu sein.

Deshalb gewinnt Joe Biden mittels eines epochalen Wahlbetrugs: Platzen irgendwo Wasserleitungen, wird die Zählung angehalten – und dann wird geschummelt. Dagegen mobilisiert Trump, deswegen klagt er vor diversen Gerichten, und deshalb fordern seine Getreuen bedingungslose Linientreue vom republikanischen Tross.

Wenn seine ehemalige UN-Botschafterin Nikki Haley sagt, die Gesetze müssten «eingehalten werden», dann klingt das super lahm und fast so schlimm wie die Insubordination des republikanischen Senators Mitt Romney, der Trumps Kapriolen schon seit geraumer Zeit über angekreidet hat und die Betrugsphantasien des obersten Republikaners umgehend kritisierte. Immerhin war Trumps TV-Freakout am Donnerstagabend derart peinlich, dass etliche bekannte Republikaner schwiegen, weil Schweigen bekanntlich Gold ist.

«Wir haben diese Wahl gewonnen»: Donald Trump ruft noch in der Wahlnacht den Sieg aus.
Video: AP

Die Stille kam im Umfeld des Präsidenten denkbar schlecht an. Das Verhalten künftiger republikanischer Präsidentschaftskandidaten sei «unglaublich», klagte Sohnemann Donald Trump junior. «Wo sind die Republikaner? Zeigt Rückgrat! Kämpft gegen den Betrug!», twitterte sein Bruder Eric. Auch Trumps umtriebiger Rechtsanwalt Rudy Giuliani forderte absolute Mobilmachung: «Wo ist die Republikanische Partei?! Unsere Wähler werden nichts vergessen».

Angeblicher Betrug vor allem in afroamerikanischen Metropolen

Der Anpfiff half, die Truppen zu sammeln, brav plapperten viele am Freitag nach, was sich ihr Anführer am Vorabend zusammengereimt hatte: Joe Biden versuche, auf die krumme Tour ins Weisse Haus zu kommen. Und betrogen wurde angeblich vor allem dort, wo schwarze Hände mit dem Auszählen beschäftigt waren – in afroamerikanischen Metropolen wie Detroit, Atlanta und Philadelphia.

Defätismus wurde nicht geduldet, niemand durfte so tun, als sei die Sache des Anführers verloren. Als der republikanische Kongressabgeordnete Dan Crenshaw, ein ehemaliger Kommandokämpfer der Marine und harter Kerl, am Freitag twitterte, Ermittlungen wegen möglichen Wahlbetrugs seien okay, aber die Republikaner müssten das Ergebnis einer «fairen Wahl» akzeptieren, geriet er ins Trommelfeuer der soeben ins Repräsentantenhaus gewählten QAnon-Queen Marjorie Taylor Greene.

«JETZT ist der Moment, für Donald Trump ZU KÄMPFEN! Die Republikaner dürfen nicht nachgeben. Die Demokraten gewinnen wegen dieser Verlierer-Mentalität. Präsident Trump hat für uns gekämpft, jetzt müssen wir für ihn kämpfen», explodierte die Verschwörungstheoretikerin - worauf Crenshaw kühl erwiderte: «Marjorie, du bist jetzt ein Kongressmitglied, verhalte dich entsprechend».

Viel nützen wird die Ermahnung nicht, es hatte 2017 ja auch nichts genützt, Trump zu sagen, er sei jetzt Präsident und solle sich wie ein Präsident verhalten. Gefordert ist absolute Gefolgschaft in diesen dunklen Tagen, da der Caudillo womöglich vor dem Nichts steht. Wie hatte es doch Kellyanne Conway, eine der treuesten Fans des Präsidenten, 2017 formuliert? Es existierten «alternative Fakten», hatte sie gesagt, Fakten, die schwarz in weiss und drei in fünf verwandeln.

Darum geht es jetzt. Aus einer Niederlage soll ein Sieg gemacht werden. Doch siehe da: Den Präsidenten schienen am Freitagabend plötzlich Zweifel zu plagen. Vielleicht schramme er tatsächlich an einer zweiten Amtszeit vorbei, sagte Trump laut CNN mehreren Mitarbeitern. Wenn dem so wäre, müsste natürlich nicht um die letzte Stimme und bis zum letzten Republikaner gekämpft werden.

Dann dürfte sogar Trumps ehemaliger Proconsul in Berlin, der allzeit kampfbereite Richard Grenell, damit aufhören, als Wachmann des Präsidenten durch Las Vegas zu flanieren und vermeintlichen Wahlbetrug im Staat Nevada anzuprangern. Selbst Grenell könnte dann still und heimlich einpacken, statt einen Narren aus sich zu machen.

34 Kommentare
    max bernard

    Trump braucht keine Beweise für den von ihm behaupteten Wahlbetrug, da er als selbsternannter "Siegertyp" auf redliche Weise gar nie verlieren kann. Allein schon um dieses Bild von sich aufrecht zu erhalten, braucht er daher den Wahlbetrug.