Zum Hauptinhalt springen

Bezahlen in Corona-Zeiten Aus Angst vor unsauberen Noten floriert kontaktloses Zahlen

Bei der Bezahl-App Twint hat sich die Zahl der täglichen Neuanmeldungen zuletzt verdoppelt. Aus Hygienegründen könnten zudem bald schon höhere Zahlungen mit der Bezahlkarte ohne PIN möglich sein.

Umstieg wegen Corona: Die Bezahl-App Twint hat bislang an der Kasse kaum eine Rolle gespielt, das ändert sich nun.
Umstieg wegen Corona: Die Bezahl-App Twint hat bislang an der Kasse kaum eine Rolle gespielt, das ändert sich nun.
Keystone

Jeder Einkauf ist mit einem mulmigen Gefühl verbunden. Man kommt sich bei der Gemüseabteilung doch näher, als man im Moment eigentlich will, und ist nur schon froh, wenn man im Gang mit den Toilettenartikeln keine anderen Kunden kreuzt. Viele Konsumenten verzichten derzeit auch lieber auf ihr Bargeld und bezahlen stattdessen mit ihren Bezahlkarten oder der Bezahl-App Twint.

Viel mehr Schweizerinnen und Schweizer interessierten sich seit Ausbruch der Corona-Krise für das vollständig berührungslose Zahlen an der Kasse, sagt Twint-Chef Markus Kilb. Das Wachstum ist gross. «Täglich registrieren sich aktuell über 7000 neue Kunden bei Twint, gegenüber rund 3000 vor der Krise», teilt das Unternehmen mit. Die Kunden kaufen auch mehr ein.

Bezahlte Summen haben sich mindestens verdoppelt

Offenbar merken viele Schweizer, dass sie mit ihrer Maestro-Karte nicht im Internet einkaufen können, und melden sich bei Twint an oder bestellen sich eine Kreditkarte, wie es in der Branche heisst. «Bei den dreissig grössten E-Commerce-Händlern hat sich die mit Twint bezahlte Anzahl Transaktionen mindestens verdoppelt, im Extremfall bis zu versechsfacht», teilt Twint mit.

Bei den Elektronikshops betrage das Plus bei den Transaktionen 140 Prozent, im Freizeit- und Sportartikelhandel 115 Prozent und bei den elektronischen Marktplätzen 130 Prozent. Die mit Twint bezahlten Summen hätten sich mindestens verdoppelt. Eine Ausnahme ist Digitec Galaxus. Beim grössten Onlineshop der Schweiz kann Twint derzeit nicht genutzt werden. Twint und Digitec Galaxus sind sich nicht über die Tarife einig. Stark rückläufig sind die Transaktionen in Restaurants, im öffentlichen Verkehr und im Ticketing- und Eventbereich – eigentlich logisch angesichts der weitgehenden Stilllegung des öffentlichen Lebens.

Das neue Hygienebewusstsein zeigt sich an der Kasse. «Wir können bestätigen, dass der Anteil an Karten- und Mobilezahlungen in den letzten Wochen merklich zugenommen hat», so eine Coop-Sprecherin. Bei der Migros gibt es dazu laut einem Sprecher keine aktuellen Zahlen.

Offen ist, ob dieser Trend anhält. Sandro Graf, Zahlungsmittelexperte der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, sagt: «Eine langfristige Verhaltensänderung werden wir dann beobachten können, wenn die aktuelle Ausnahmesituation länger anhält – wovon ja leider auszugehen ist.» Viele Personen würden sich aber Gedanken machen und einsehen, dass die Vorteile einer Kartenzahlung mit jeder Grippewelle grösser würden. «Bargeld hat seine Vorteile, aber aus hygienischer Sicht ist das kontaktlose Bezahlen natürlich die beste Bezahlart», sagt Graf.

40-Franken-Grenze soll fallen

Wer seine Bezahlkarte an der Kasse kontaktlos nutzt, muss seinen Code eingeben, sobald der Einkaufsbetrag 40 Franken übersteigt. Während der Corona-Krise wurde diese Grenze in vielen anderen Ländern angehoben. Entsprechende Bestrebungen gibt es auch in der Schweiz. Thomas Hodel, Geschäftsführer der Swiss Payment Association: «Die Schweizer Kreditkartenherausgeber sind derzeit mit den internationalen Kartenorganisationen wie American Express, Mastercard oder Visa im Gespräch und erörtern eine Erhöhung der Limite.»

Eine Anhebung der Limite erfordere aber Änderungen am komplexen Zahlungssystem. «Das Zahlungssystem ist eine systemrelevante Infrastruktur – erst recht in der aktuell ausserordentlichen Lage», sagt Hodel. Systemänderungen müssten deshalb vorab genügend getestet werden. «Sie können nicht von heute auf morgen breit in den Markt gebracht werden. Und die Umsetzung beinhaltet ein Restrisiko, da verschiedene Akteure in eine Änderung involviert werden müssen», sagt Hodel.

«Ideal wäre, wenn jede Nutzerin und jeder Nutzer die Limite bis zu einem gewissen Maximum selber erhöhen könnte.»

Sandro Graf, Zahlungsmittelexperte Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Die Kartenherausgeber Visa und Mastercard sind für eine Erhöhung der Limite offen. Visa arbeite mit den lokalen Regierungen zusammen, um die Einführung höherer Kontaktlos-Limits zu fördern, sagt eine Sprecherin. «Mastercard prüft gemeinsam mit seinen Schweizer Partnern eine Erhöhung des Limits für kontaktloses Bezahlen ohne PIN-Eingabe», sagt eine Sprecherin.

«Ideal wäre, wenn jede Nutzerin und jeder Nutzer die Limite bis zu einem gewissen Maximum selber erhöhen könnte», sagt Zahlungsmittelexperte Sandro Graf. Das sei aber technisch und regulatorisch aufwendig. «Eine Erhöhung der Beschränkung auf beispielsweise 80 Franken wäre aus aktueller Sicht sinnvoll – schlicht aus rechnerischer Sicht, damit mehr Transaktionen kontaktlos getätigt werden können.»

Ganz ohne Code können Kunden bezahlen, wenn sie ihr Smartphone oder ihre Smartwatch nutzen. Dort ist auch über 40 Franken keine PIN-Eingabe erforderlich, weil das mobile Gerät noch vor dem Bezahlvorgang biometrisch, also etwa per Fingerabdruck oder per Handy-PIN, entsperrt wird und die Zahlung so freigegeben wird.

4 Kommentare
    Anton Schneider

    Das Bargeld wird schon sehr bald vehement bekämpft werden, denn die Schulden und fast unendliche Geldschöpfung wegen Corona wird Konsequenzen über Jahre für uns alle haben. Das Geldwunder bei Corona - das werden die aufwendigsten Lebensrettungsmassnahmen der Geschichte werden. Auf den politischen Diskurs wie wir nun aus dem Krisenmodus kommen, hoffe ich auf gute Ideen der Beteiligten Politiker und Experten.