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Empörung in FrankreichAttacke auf SS-Massaker-Gedenkstätte

Das Gedenkzentrum in Oradour-sur-Glane ist von Unbekannten geschändet worden. Der letzte noch lebende Zeuge des Massakers zeigte sich bestürzt.

Das Dorf wurde nie wieder aufgebaut: Oradour-sur-Glane.
Das Dorf wurde nie wieder aufgebaut: Oradour-sur-Glane.
Foto: Wikimedia

Die Schändung der Gedenkstätte in Oradour-sur-Glane hat in Frankreich Empörung ausgelöst. Das Dorf in der Nähe von Limoges war Schauplatz eines der brutalsten Massaker an Frankreichs Zivilbevölkerung durch die deutschen Nationalsozialisten. Unter anderem der in grossen Lettern angebrachte Schriftzug «Dorf der Märtyrer» erinnert in Oradour daran, dass die SS-Division «Das Reich» hier 642 Menschen ermordete.

Nun wurde dieser Schriftzug von Unbekannten überschmiert: Mit weisser Farbe wurde am Freitag das Wort «Märtyrer» durchgestrichen, daneben schrieben die Täter «Lügner». Auch der Name eines bekannten Holocaustleugners wurde an die Gedenktafel geschmiert.

Macron spricht von einer «unerhörten Tat»

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron sprach von einer «unerhörten Tat», die er «aufs Schärfste verurteilt». Alles werde dafür getan, dass die Täter zur Verantwortung gezogen würden. Premierminister Jean Castex schrieb auf Twitter, er habe «mit Wut und Bestürzung» von der Schändung erfahren. «Wer diesen Ort beschmutzt, beschmutzt auch das Andenken an unsere Märtyrer», so Castex. Das Gedenkzentrum von Oradour erstatte Anzeige gegen unbekannt, Ermittlungen wurden eingeleitet.

Der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner, verurteilte die Tat und sprach von einer «rechtsextremen Attacke». «Es ist höchste Zeit, dass die Regierungen in Europa diesen Tätern entschieden und konsequent gegenübertreten und die Demokratie und die Würde der Opfer verteidigen», erklärte Heubner.

Die SS-Männer ermordeten 642 Dorfbewohner, darunter 245 Frauen und 207 Kinder.

Am 6. Juni 1944, dem D-Day, waren die alliierten Streitkräfte an den Stränden der Normandie gelandet. Die SS-Division «Das Reich» wurde daraufhin vom Südwesten in den Norden Frankreichs verlegt. Auf dem Weg zur Front passierten die Soldaten Oradour-sur-Glane. Sie erschossen die Männer des Dorfes und sperrten Frauen und Kinder in der Kirche ein, die sie anschliessend in Brand setzten. Innerhalb eines Nachmittages ermordeten die SS-Männer 642 Dorfbewohner, darunter 245 Frauen und 207 Kinder.

Der letzte noch lebende Zeuge des Massakers, der 95-jährige Robert Hébras, sagte am Wochenende in verschiedenen Interviews, er sei «empört und bestürzt» über die Tat. Hébras verlor durch die Verbrechen der Nazis seine Mutter und seine Schwestern, seit Jahrzehnten widmet er sein Leben der Versöhnung und der Aufklärung und spricht mit Schulklassen und Besuchern des Dorfes Oradour.

Gedenkzentrum in Oradour 1999 eröffnet

Nach der Schändung des Mahnmals sagte Hébras, er sei «zermürbt» vom Kampf gegen die Leugner. Er fühle sich, als trage er «eine offene Wunde», während das Unrecht von Oradour «vergessen» werde. «Ich befürchte, dass man jetzt 48 Stunden lang von Oradour sprechen wird, bevor man es wieder vergisst.»

Um an das Massaker zu erinnern, wurde Oradour nie wieder aufgebaut. Das Dorf gleicht heute einer Geisterstadt. Von den Häusern stehen nur noch die Grundmauern. Nachdem sie die Dorfbewohner getötet hatten, plünderten und zerstörten die SS-Männer Höfe und Scheunen und legten Feuer.

Mitten auf der Strasse steht in Oradour bis heute die verrostende Karosserie eines Autos, die daran erinnert, wie plötzlich der Krieg in den von Landwirtschaft geprägten Alltag der Menschen hineinbrach. 1999 eröffnete der damalige Präsident Jacques Chirac ein Gedenkzentrum in Oradour.

Der Peugeot 202 gehörte vermutlich dem Weinhändler des Dorfs.
Der Peugeot 202 gehörte vermutlich dem Weinhändler des Dorfs.
Foto: Reuters/Pascal Rossignol