Roche und Bund im Streit wegen Brustkrebs-Medikament

Roche kämpft gegen das Bundesamt für Gesundheit: Das Pharma-Unternehmen nimmt das Medikament Perjeta von der Spezialitätenliste – der Bund forderte einen Preisnachlass von 20 Prozent.

Sehr wirksam: Das Krebsmittel Perjeta soll in der Schweiz um 20 Prozent zu teuer sein. Im Bild Mammografie einer Brust.

Sehr wirksam: Das Krebsmittel Perjeta soll in der Schweiz um 20 Prozent zu teuer sein. Im Bild Mammografie einer Brust.

(Bild: Keystone)

Dominik Feusi@feusl

Das Basler Pharmaunternehmen Roche hat gestern der BaZ bestätigt, dass es Anfang August das Brustkrebsmittel Perjeta von der Spezialitätenliste des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) genommen hat. Damit sind die Krankenkassen nach einer Übergangsfrist von drei ­Monaten nicht mehr verpflichtet, das Medikament zu vergüten.

Der Grund ist gemäss Roche das Bundesamt selber. Es habe einen Preis festsetzen wollen, der 20 Prozent unter dem im Ausland festgestellten Preis liege. Obwohl dort die Therapie 7400 Franken pro Monat betrage, forderte das Bundesamt einen Preis von 5850 Franken. In den Verhandlungen liess sich das BAG nicht auf Argumente des Herstellers ein. Remo Christen, Market Access Director bei Roche, hat die Verhandlungen verfolgt. «Ich habe noch nie eine so krasse Unterschreitung des Auslandspreisvergleiches durch das Bundesamt erlebt.»

Letzte Hoffnung für Schwerkranke

Perjeta wirkt zusammen mit einem anderen Roche-Medikament bei Patientinnen, die eine biologische Veranlagung für einen rasch wachsenden Brustkrebs haben. Es blockiert diese Veranlagung und verlängert dabei die Lebenserwartung bei geringen Nebenwirkungen. Das betrifft rund 150 Frauen in der Schweiz. Für sie ist Perjeta manchmal die letzte Hoffnung. Seit etwas mehr als einem Jahr ist Perjeta auf der Spezialitätenliste des Bundesamtes für Gesundheit. Krebsmediziner sind vom Vorgehen des BAG überrascht. «Es ist ein Albtraum für jeden Onkologen, wenn er ein Medikament hat, es aber einer Patientin nicht abgeben kann», sagt Beat Thürlimann, Chefarzt des Brustzentrums St. Gallen.

So weit muss es aber nicht kommen. Die Verordnung zum Krankenversicherungsgesetz sieht nämlich vor, dass auch Medikamente vergütet werden können, die nicht auf der Spezialitätenliste sind. Die Versicherer und Roche müssen sich einfach auf einen Preis einigen und die Kassen werden sich vorbehalten, die Fälle zu prüfen. Remo Christen ist zuversichtlich: «Die Kassen haben Perjeta auch bereits vor der provisorischen Aufnahme in die Liste vergütet. Sie sind gegenüber neuen Wirkstoffen aufgeschlossen.»

Bersets Vorpreschen

Bundesrat Alain Berset kämpft wie keiner seiner Vorgänger gegen die seiner Meinung nach zu hohen Medikamentenpreise. In zwei Preisüberprüfungsrunden senkte er das Preisniveau für Medikamente bereits deutlich. Was das Bundesamt für Gesundheit BAG jetzt beim Brustkrebsmittel Perjeta forderte, war dem Basler Hersteller Roche zu viel. Das BAG wollte eine Vergütung festlegen, die 20 Prozent unter dem in einem Auslandsvergleich festgestellten Preis lag. «Das BAG setzte den therapeutischen Nutzen möglichst tief an, um den Preis drücken zu können», sagt Thomas Cueni, Direktor von Interpharma. Es gebe seit Längerem die Tendenz im Bundesamt, den Preis aus dem Auslandspreisvergleich systematisch zu unterschreiten. Die Verhandlungen scheiterten, und Roche nahm das Medikament auf Anfang August von der Spezialitätenliste. Es ist das erste Mal, dass ein Medikament wegen Preisforderungen des Bundesamtes von der Liste genommen wird.

Damit muss das Medikament nach einer Frist von drei Monaten nicht mehr von den Krankenkassen bezahlt werden. «Die Preispolitik des BAG führt so dazu, dass ein Medikament mit hohem Nutzen in einem der reichsten Länder der Welt nicht mehr vergütet wird», sagt Cueni, zumindest im Moment. Roche werde in einigen Wochen wieder ein Gesuch um Aufnahme in die Spezialitätenliste stellen, sagt Remo Christen, Director Market Access bei Roche. Ob dann eine Einigung mit dem BAG möglich wird, ist allerdings ungewiss. Bis auf Weiteres sind die Patienten darauf angewiesen, dass ihre Zusatzversicherung bezahlt oder die Grundversicherung sich kulant zeigt.

«Signifikante Resultate»

Fachleute schütteln darüber nur den Kopf. «Da wird ein Preiskampf auf dem Buckel von unheilbar kranken Frauen ausgetragen», sagt der Zürcher Brustkrebsspezialist Urs Breitenstein. Perjeta sei für einen ganz bestimmten Kreis von Patientinnen sehr wirksam –bei geringen Nebenwirkungen. Perjeta enthält Antikörper, die zusammen mit Herceptin, einem anderen Medikament von Roche mit anderen Antikörpern das Wachstum von Krebszellen deutlich verlangsamen. Es wird nur gezielt eingesetzt bei Frauen, die eine bestimmte Veranlagung in sich tragen.

Studien hätten gezeigt, dass eine Behandlung mit Perjeta zusätzlich zu Chemotherapie und Herceptin signifikante Resultate in einer belastenden Situation erziele. «Da wird ein erfolgreiches Medikament wegen Geld blockiert», sagt Breitenstein. «Das verstehe ich nicht.» Roche gewährte den Kassen für Perjeta auf dem offiziellen Preis zudem eine Rückvergütung von 1600 Franken, weil es nur zusammen mit Herceptin wirkt. Bei diesem Medikament ist soeben das Patent abgelaufen, und der Preis deshalb um fast 25 Prozent gesunken. Die Rückvergütung stiess in der Politik auf Unverständnis. Die Geschäftsprüfungskommission des Ständerates sprach sich gegen derartige Rückvergütungen aus.

Auch Sovaldi betroffen

Doch in Zukunft dürfte es immer mehr Therapien geben, bei denen mehrere Wirkstoffe je nach Veranlagung der Person gleichzeitig eingesetzt werden. Die forschenden Pharma-Unternehmen haben einige Hundert neue Wirkstoffe in der Pipeline. Beat Thürlimann, Chefarzt des St. Galler Brustzentrums, findet diese Entwicklung erfreulich: «Die Erkenntnisse der Zellforschung führen nun zu immer besseren Wirkstoffen. So werden immer bessere Kombinationen von Medikamenten möglich, die alle wirksam und sicher sind und deshalb zugelassen werden.» Auf diese Therapien seien Politik und Verwaltung nicht vorbereitet.

Das System der Zulassung und Preisfestsetzung komme darum an seine Grenzen. «Perjeta ist nur die Spitze einer Entwicklung zu einer immer spezielleren Medizin.» Die Kosten für die Zulassung und die dafür nötigen Studien betragen Millionensummen. Sie seien bei sehr speziellen Wirkstoffen kaum mehr wirtschaftlich.

Das trifft auch auf das Medikament Sovaldi zu. Es wirkt gegen das Virus Hepatitis-C, das die Leber eines Patienten angreift. Wegen des hohen Preises von mehr als 19'000 Franken hat das BAG gemäss Tages-Anzeiger den Kreis der Patienten eingeschränkt, denen das Medikament vergütet werden darf. Das BAG hat die Verwendung von Sovaldi in der Grundversicherung damit rationiert.

Zweiklassenmedizin

Wie im Falle von Perjeta entsteht durch die Intervention des Bundesamtes für Gesundheit eine Zweiklassenmedizin: Wer zusatzversichert ist oder eine kulante Krankenkasse hat, bekommt die bessere medizinische Versorgung. Das widerspricht dem Bekenntnis von Gesundheitsminister Alain Berset zum solidarischen Charakter der obligatorischen Grundversicherung, der Versorgungsqualität und gegen eine Zweiklassenmedizin.

Das BAG sagt auf Anfrage, es könne keine Details zur Ablistung von Perjeta bekannt geben, da es ans Amtsgeheimnis gebunden sei. Die Frage, ob diese Preispolitik nicht dem Grundgedanken des Krankenversicherungsgesetzes widerspreche, lässt man unbeantwortet.

Basler Zeitung

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