«Das ist eine ziemlich groteske Übung»

Jean Ziegler soll in den beratenden Ausschuss des UNO-Menschenrechtsrats, findet das EDA. Nein, sagt nun die Nationalratskommission. Und was sagt der Betroffene selbst dazu?

Findet die diplomatische Immunität nützlich, weil er dann unbehelligt kritische Bücher schreiben kann: Jean Ziegler. (Archiv 2010)

Findet die diplomatische Immunität nützlich, weil er dann unbehelligt kritische Bücher schreiben kann: Jean Ziegler. (Archiv 2010)

(Bild: Keystone)

Herr Ziegler, die Aussenpolitische Kommission des Nationalrates hält es für «unangebracht», dass das Aussendepartement Ihre Kandidatur für den beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats unterstützt. Werden Sie an Ihrer Kandidatur festhalten? Ja, ich will diesen Kampf führen. Es geht um die sozialen, ökonomischen und kulturellen Menschenrechte und die müssen mit aller Energie verteidigt werden. Wir leben in einer kannibalischen Weltordnung. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Und das auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt.

Was sagen Sie zum Entscheid der Kommission? Ich war selbst lange Mitglied der Aussenpolitischen Kommission. Es ist eine ziemlich groteske Übung. Die Kommission hat ja gar nicht die ­Kompetenz, sich zu Wahlvorgängen im UNO-Menschenrechtsrat zu ­äussern. Im beratenden Ausschuss des UNO-Menschenrechtsrats ver­treten die Mitglieder nicht ihre ­Heimatstaaten, sondern sie sind un­abhängige Experten. Die helvetische Rechte hat offensichtlich eine Ziegler-Neurose.

Wie ist es Ihrer Meinung nach zu diesem Entscheid gekommen? Noch einmal: Die APK-Debatte ist praktisch irrelevant. Sie erklärt sich aber damit, dass UN-Watch, die israelische Rechte und die Amerikaner in der aussenpolitischen Kommission über treue Freunde verfügen.

Es gibt nur wenige Intellektuelle in der Schweiz, die eine solche Debatte auslösen können. Ich finde es gut, den Gottesdienst zu stören. Die Kontroverse ist der Atem der Demokratie.

Trifft Sie der Entscheid der Kommission? Das ist keine relevante Frage.

Warum nicht? Weil es nicht um die Befindlichkeit des Kleinbürgers von Genf geht. Die Opfer der himmelschreienden Menschenrechtsverletzungen verlangen Hilfe. Und da zählt nur die Effizienz. Ich bin als gut genährter weisser Schweizer mit einem UNO-Mandat unglaublich privilegiert. Was zählt, ist der Kampf.

Wie wichtig ist für Sie die diplomatische Immunität, die mit dem Mandat im Ausschuss verbunden ist? Die diplomatische Immunität ist nützlich. Mein letztes Buch mit dem Titel «Wir lassen sie verhungern: Die Massenvernichtung in der Dritten Welt» (2012) hätte ich ohne die UNO-­Immunität nicht publizieren können.

Warum? Weil das für viele Grosskonzerne und auch Regierungen ein sehr kritisches Buch ist. Nach dem Buch «Die Schweiz wäscht weisser» (1990) wurde damals meine parlamentarische Immunität aufgehoben und ich hatte neun Prozesse von Grossbanken und Unternehmen am Hals. Ich habe sie alle verloren mit Hunderttausenden von Franken Schadenersatz. Inzwischen gibt es Dutzende von Klagen gegen Schweizer Bankiers in den Vereinigten Staaten wegen krimineller Aktivitäten.

Basler Zeitung

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