Wenn der Kunde nicht König ist, wird er Pirat

Am Sonntag startet die fünfte Staffel der HBO-Serie «Game of Thrones». Die Erfolgsproduktion wird deshalb millionenfach heruntergeladen.

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Philippe Zweifel@delabass

Valar Morghulis! Wer füllt das Macht­vakuum in King’s Landing? Wo stecken Daenerys Drachen? Und wann kommt endlich der angekündigte Winter? Solche oder ähnliche Gesprächsfetzen sind ab nächster Woche auf Schulhöfen und in Kantinen zu hören. Denn Sonntagabend ist es wieder so weit, «Game of Thrones» geht nach einem Jahr Pause in eine neue Runde.

Die Fantasyserie basiert auf den Bestsellern von George R. R. Martin und begeistert Kritiker und Fans zugleich. Vielen gilt die mit Tausenden Statisten inszenierte Produktion als beste TV-Serie der Gegenwart. Angesiedelt in einem fiktiven Mittelalter, erzählt sie von Machtkämpfen, Politik und Religion – und stellt die Frage, was den Menschen ausmacht. Martin hat Fantasy, das Genre, das sonst dem Eskapismus frönt, für aufklärerische Ziele erobert.

Merkwürdigerweise aber fachsimpeln die Leute über etwas, was sie gar nicht gesehen haben dürften. Die aktuellen Folgen, ausgestrahlt auf dem US-Bezahlsender HBO, sind in der Schweiz – wie in vielen anderen Ländern – nicht sofort erhältlich. Weder auf iTunes noch über Streamingdienste wie Netflix oder Myprime. Also beginnt in der Nacht auf Montag bei dubiosen Portalen wie Pirate Bay das grosse Downloaden. Daran mögen die Gratiskultur im Internet und eine zunehmend bequeme Konsumhaltung ihren Anteil haben.

Acht Millionen Downloads

Allerdings ist es ohne selbst auferlegtes Newsverbot tatsächlich schwierig, sich den neusten Folgen von «Game of Thrones» zu entziehen. Die Serie ist ein globales popkulturelles Happening, deren überraschende Wendungen im Netz umgehend diskutiert werden – so inszenierte sich als Jux sogar Barack Obama auf dem «Eisernen Thron», dem Machtsymbol der Saga.

In der Schweiz, wo das Herunterladen von geschützten Werken dank eines laxen Urheberrechts nicht strafbar ist, schlagen die Anzahl Google-Suchanfragen für «Pirate Bay + Game Of Thrones» im Frühling plötzlich aus. «Game of Thrones» war laut dem Piraterie-Monitordienst Torrentfreak die 2014 weltweit am häufigsten illegal heruntergeladene Serie. Allein das Staffelfinale sei acht Millionen Mal auf die Computer der Fans gedownloadet worden.

Zählt man die Zuschauer der kostenlosen, ebenfalls halb legalen Sites dazu, wo die Folgen als Stream zu sehen sind, dürfte sich dieser Wert verdoppeln. Zum Vergleich: Offiziell wurden die einzelnen Folgen der letzten Staffel von durchschnittlich 18,4 Millionen Zuschauern verfolgt.

Die Statistiken zeigen weiter, dass die jeweils neuste Episode der Serie innerhalb von 15 Stunden nach ihrer Ausstrahlung eine Million Mal heruntergeladen wird. Vor zwei Jahren war HBO auf diese Zahlen noch stolz. Der Ansturm im Netz, argumentierte der Sender, sei die beste Werbung für die Serie. Inzwischen jedoch haben die Produzenten das Problem erkannt: Man will Kunden über hochwertige Produktionen an den Sender binden, lässt so aber andere mögliche Vertriebsmodelle ausser Acht und befeuert damit den Schwarzmarkt. Um Piraterie zu bekämpfen, müsse man Inhalte weltweit möglichst simultan verfügbar machen, heisst es nun bei HBO. «Game of Thrones» werde heuer zeitgleich in 170 Ländern ausgestrahlt.

«Take my money, HBO!»

Klingt gut. Doch die weltweite Ausstrahlung wickelt HBO über andere Bezahlsender oder deren Internetportale ab. Das heisst, als Zuschauer muss man ein Abo für einen solchen Sender lösen, um «Game of Thrones» sehen zu können. Im deutschsprachigen Raum zum Beispiel startet die Serie auf dem Onlinedienst des Bezahlsender Sky – zeitgleich mit der Ausstrahlung in den USA. In der Schweiz ist sie im Zweikanalton erst zwei Wochen später über Teleclub zu sehen, wofür jedoch ein Abo von 40 bis 50 Franken pro Monat nötig ist. Doch die Schweizer können sich nicht beklagen: Der welsche Sender RTS überträgt die Serie neuerdings am Montag nach der US-Austrahlung im englischen Original mit französischen Untertiteln.

Natürlich haben Fans die Möglichkeit, die Serie auf DVD oder im Free-TV zu schauen. Bloss wartet man dann ein Jahr auf die aktuellen Folgen. Bei RTL 2, wo «Game of Thrones» läuft, verderben einem dazu Synchronfassungen und unzählige Werbeunterbrechungen den Spass. Laut einer Umfrage wären 80 Prozent der Zuschauer von «Game of Thrones» bereit, zwei Dollar pro Episode für einen prompten Download zu bezahlen. «Take my money, HBO!» lautet eine entsprechende Kampagne, die vor zwei Jahren online lanciert wurde. Die Fans möchten die Produzenten also entschädigen – aber zu Preisen und Lieferfristen, die ihnen angemessen scheinen.

Es ist eine Entwicklung, die perfekt zum misstrauischen Weltbild passt, das in «Game of Thrones» ausgebreitet wird. Der Niedergang von Politikern und der Verfall von alten Machtsystemen sind zentrale Themen der Show. «Macht», sagt Zwerg Tyrion, einer der wenigen Sympathieträger in der Serie, «ist ein Trick, ein Schatten an der Wand. Und ein sehr kleiner Mann kann einen sehr grossen Schatten werfen.»

Ein zweites Fiasko?

Doch der Masterplan von HBO respektive seines Mutterkonzerns Time Warner ist genau die schrittweise internationale Verwertung. Zwar scheint man beim Mediengiganten erkannt zu haben, dass früher oder später kein Weg am Vertrieb im Netz vorbeiführt. Doch zum wachsenden Unmut der Fans hat HBO kürzlich eine weitere Strategie bekannt gegeben, die viele mögliche Zuschauer ausschliesst: Die neusten Episoden von «Game of Thrones» können über eine App für je 1.50 Dollar heruntergeladen werden – allerdings bloss auf Apple-Geräten in den USA. Kommt hinzu: Wer viele Lieblingsserien hat, ist gezwungen, sich bei vielen solchen Apps oder Diensten anzumelden.

Die verworrene Situation erinnert an das Fiasko der Musikindustrie, als mit Napster in den 90er-Jahren ein Internetdienst auftauchte, der seine Nutzer Millionen von Songs untereinander tauschen liess. Statt mit einem einheitlichen, legalen Bezahlangebot reagierte die Industrie damals mit Drohgebärden und versuchte so, an der alten Verwertungskette festzuhalten. Erst Steve Jobs’ iTunes oder Streamingdienste wie Spotify brachten einen einheitlichen, umfassenden Digitalkatalog.

Während das Internet die TV-Konsumgewohnheiten nachhaltig verändert, tut sich offenbar eine weitere Branche schwer damit, ihren Kunden ein attraktives, legales Angebot zu machen. Bis es so weit ist, informiert sich der Zuschauer auf dem Gratismarkt, wo die Drachen stecken.

Ab nächster Woche bespricht Tagesanzeiger.ch die Folgen der fünften Staffel von «Game of Thrones».

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