Schnitzlers Träume oder: «Ich fliege nackt über die Ringstrasse»

Vor 150 Jahren wurde Arthur Schnitzler geboren. Der Schriftsteller prägte mit seinen Theaterstücken und Novellen das Wien seiner Zeit. Rechtzeitig zum Geburtstag erscheint sein Traumtagebuch.

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Wien war eine Hochburg des Fin de siècle, der dekadent-fiebrigen Zeit um 1900. Die Stadt und ihr Tourismus leben immer noch von der damaligen Aura. Nicht unwesentlich dazu beigetragen hat Arthur Schnitzler, der vor 150 Jahren in Wien geboren wurde und seiner Heimatstadt ein Leben lang treu blieb. Der Sohn eines jüdischen Arztes studierte Medizin und betrieb eine eigene Praxis. Daneben schrieb er – etwa 40 Novellen und Erzählungen, zwei Romane, 28 Theaterstücke. Seine Stücke wie «Reigen» oder «Das weite Land» gehören zum festen Repertoire der grossen Bühnen, die berühmte «Traumnovelle» wurde von Stanley Kubrick mit Tom Cruise und Nicole Kidman unter dem Titel «Eyes Wide Shut» verfilmt.

Mit Träumen befasste sich Schnitzler intensiv. Im Alter von 13 Jahren begann er ein Traumtagebuch, das er bis zu seinem Tod 1931 führte. Darin werden das Wien der Jahrhundertwende und seine Gesellschaft lebendig und fassbar. Dreht sich sein erster Traum noch um ein begehrtes Mädchen, wandert er später oft durch Wien, trifft Freunde und Bekannte, darunter berühmte Zeitgenossen. So notiert er am 31.12.1907: «Ich spiele mit Frau Mahler die VII. Symphonie ihres Gatten, die schon komponiert, aber noch unbekannt ist.» Und am 29.8.1913 musiziert er mit einem längst Verstorbenen: «Ich spiele Beethoven einen selbstkomponierten Trauermarsch vor.»

Freud und der Kaiser

In seinen Notaten ist er radikal ehrlich und lässt auch peinliche Passagen nicht aus: «Ich fliege nackt über die Ringstrasse in der Gegend des Burgtheaters.» Daneben berichtet er von einer Audienz beim Kaiser oder sagt im Traum zu einer Bekannten: «Denken Sie, genau an derselben Stelle traf ich Prof. Freud.» Sigmund Freud und seine Theorien der Traumdeutung sind wichtig für Schnitzler, wie auch umgekehrt: Freud nannte Schnitzler seinen Doppelgänger, weil er literarisch ergründete, was Freud theoretisch zu fassen versuchte. Auf Freuds berühmter Couch in dessen Praxis an der Berggasse 19 legte sich Schnitzler indes nie, und er blieb skeptisch gegenüber den Lehren der psychoanalytischen Schule.

Auch mit dem Antisemitismus beschäftigt sich Schnitzler. Die Vorboten des Nationalsozialismus kommen in seinen Träumen vor, schon 1924: «Mit Zweig und Wertheimer in einem Wirtshausgarten (etwa Türkenschanzpark oder auch Prater). Eine Hakenkreuzergesellschaft, die uns erwartet. Sie stehen vom Tisch auf – Zweig und ich warten weiteres nicht ab, fliehen um das Wirtshaus, durch den Garten.»

Der Wallstein Verlag hat Schnitzlers Traumtagebuch in einer sorgfältigen Edition zum ersten Mal als selbstständigen Text herausgegeben, eine lohnende Lektüre nicht nur für Schnitzler-Experten und Jahrhundertwende-Träumer.

baz.ch/Newsnet

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