Zum Hauptinhalt springen

StadtjägerAnschlag auf «gesunde Sinnlichkeit»

Unbekannte verschmierten im Jahr 1921 Niklaus Stoecklins Wandbild «Lucretia». Sie störten sich an den Liebesszenen.

Das 1920 von Niklaus Stoecklin gemalte Wandbild mit seinen vier Liebespaaren wurde von manchen als anstössig empfunden.
Das 1920 von Niklaus Stoecklin gemalte Wandbild mit seinen vier Liebespaaren wurde von manchen als anstössig empfunden.
Foto: Dominik Heitz

Im Schutze eines kleinen Vordachs haben sich in je einem Bogenfenster vier Liebespaare gefunden und küssen sich innig. Lucretia, Symbolfigur partnerschaftlicher Treue, im Bogenfenster ganz links, und ihr Gatte ganz rechts geben den Liebenden zusätzlichen Schutz.

Was hat dieses Wandgemälde oben am Münsterberg über irgendwelchen Reklamevitrinen zu suchen? Eigentlich nichts. Und doch hatte es einmal durchaus seinen Grund: In den Schaukästen waren einst die Verlobungen öffentlich ausgehängt worden, weshalb unter den Liebenden noch heute das Wort «Eheverkündungen» zu lesen ist. Erst der Datenschutz nahm dem Gemälde seine ursprüngliche Aussagekraft, indem er dem Aushang ein Ende machte.

Geblieben ist das in der Art altdeutscher Meister gehaltene Wandbild. Es stammt vom Basler Maler und Grafiker Niklaus Stoecklin (1896–1982) und war aus einem Wettbewerb des Basler Kunstkredits als Sieger hervorgegangen. Allerdings sollte das Bild bald nach seiner Vollendung im Jahr 1920 auf vehemente Kritik stossen, die nicht folgenlos blieb: In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1921 verschmierten Unbekannte das Gemälde mit roter und blauer Anilinfarbe. Beweismaterial für diesen Vandalenakt fand die Polizei später im Brunnen am Münsterberg: eine Ovomaltine-Büchse, eine blecherne Bonbonniere, ein zu einem Malstock hergerichteter Zweig sowie zwei kleine Flaschen mit Farbresten.

An eine Eheverkündigungstafel gehörte nach dem Empfinden unseres Volkes ein ernsteres Motiv.

Wilhelm Brenner, Pädagoge und späterer Direktor des Basler Lehrerseminars

Offensichtlich stiessen sich damalige Zeitgenossen an diesen Liebesszenen und teilten nicht die Ansicht der Juroren, die meinten: «Die gesunde Sinnlichkeit dieser Malerei in ihren lebhaften Farben wird der Würde des Inhalts so wenig Abbruch tun wie (…) die plastischen, oft recht derben Darstellungen am Münster.» So entgegnete Wilhelm Brenner, Pädagoge und späterer Direktor des Basler Lehrerseminars, in einem Brief an die Kunstkreditkommission: «Nach meiner Meinung war es einzig eine Taktfrage, die vom Volk durchaus anders entschieden worden ist als von der Jury (…). An eine Eheverkündigungstafel gehörte nach dem Empfinden unseres Volkes ein ernsteres Motiv.»

«Eine feige Rohheit»

Die «National-Zeitung» ihrerseits schrieb am 22. August mit Blick auf das Ansehens Basels: «Man kann nun über die umstrittenen Malereien denken, was man will, eines ist gewiss, dass dieser Bubenstreich eine feige Rohheit ist, die nur das eine zur Folge hat, dass nun diese Tat in sämtlichen Zeitungen des In- und Auslands womöglich mit den nötigen Zutaten berichtet wird und dass der Name unserer Stadt in den Augen aller anständig Denkenden und Kunstsachverständigen Schaden leidet.»

Die Sektion Basel der Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten blieb nicht untätig und setzte zusammen mit der Kunstkreditkommission eine Prämie auf die Entdeckung der Vandalen aus, denn sie empfand diese «peinliche Tat» nicht als Bubenstreich, sondern als das, was sie nämlich sei, als «ein bewusster und wohlüberlegter Schlag ins Gesicht gegen den Urheber der Fresken und gegen die Tätigkeit der gesamten jüngeren Künstlerschaft».

Auf öffentlichen Druck hin wurden umgehend staatliche Gelder für die Renovation gesprochen: 1788 Franken und 10 Rappen – fast so viel, wie damals Niggi Stoecklin an Preisgeld für den Wandbildauftrag bekommen hatte. Es hiess, dass nach diesem Vorfall die Kunstkreditkommission in der Auswahl von Entwürfen vorsichtiger gewesen sei. Stoecklin selber soll das «Attentat» mit Selbstvertrauen und Humor weggesteckt haben.

Heute seiner ursprünglichen Kraft enthoben: Das Bild über den ehemaligen Eheverkündungen am oberen Ende des Münsterbergs.
Heute seiner ursprünglichen Kraft enthoben: Das Bild über den ehemaligen Eheverkündungen am oberen Ende des Münsterbergs.
Foto: Dominik Heitz
3 Kommentare
    Rolf Thalmann

    Zur zweiten Bildlegende: Das Wandgemälde ist heute keineswegs seiner ursprünglichen Kraft enthoben, wohl aber seiner ursprünglichen Funktion.