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Leitartikel zu Corona und WirtschaftAngst ist verheerender als ein Lockdown

Erneut wird ein Lockdown diskutiert – zumindest punktuell und für kürzere Zeit. Das weckt die Furcht vor gigantischen ökonomischen Schäden. Diese könnten ohne entschiedenes Handeln aber noch grösser werden.

Welche Verschärfungen stehen bevor? Mini-Lockdown? Lockdown? Bundesrat Alain Berset gestern in Bern.
Welche Verschärfungen stehen bevor? Mini-Lockdown? Lockdown? Bundesrat Alain Berset gestern in Bern.
Foto: Peter Schneider (Keystone)

Niemand wünscht sich Lockdowns. Sie schränken das Leben der Menschen massiv ein, und sie sind mit enormen ökonomischen Kosten verbunden. Solche Kosten zeigen sich in verlorenen Jobs, sinkenden Einkommen und Konkursen. Der Lockdown im Frühjahr liess die Schweizer Wirtschaft dramatisch einbrechen.

Angesichts der zweiten Corona-Welle ist wieder von möglichen Lockdowns die Rede – etwa von Mini-Lockdowns, Kurz-Lockdowns oder «Circuit Breakers». Mit Blick auf die damit verbundenen wirtschaftlichen Schäden halten das viele für inakzeptabel. Und wieder scheint es, zwischen wirtschaftlichen Bedürfnissen und den gesundheitlichen Erfordernissen klaffe ein unüberbrückbarer Widerspruch: Entweder wir riskieren die Gesundheit eines Teils der Bevölkerung oder unsere Jobs, Einkommen und Unternehmen.

Dieser Widerspruch hat im Frühling nicht existiert, und es gibt ihn auch heute nicht. Aber jetzt können wir das mit grösserer Gewissheit sagen als damals. Denn mittlerweile gibt es dazu klare Erkenntnisse.

Auch ohne Lockdown leidet die Wirtschaft

Die ökonomischen Schäden durch einschneidende Massnahmen wie Lockdowns können den falschen Eindruck vermitteln, wir könnten diesen Kosten entgehen, wenn wir auf Einschränkungen verzichten. Leider gibt es keine solche Wahl. Sind die Ansteckungszahlen hoch, ziehen sich die Leute aus Angst vor der Pandemie auch ohne behördliche Anordnungen zurück. Der Verzicht auf Konsum und auf menschliche Kontakte hat dann ähnliche oder sogar grössere wirtschaftliche Effekte als ein verordneter Lockdown. Der Weltwirtschaftsausblick des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigt das eindrücklich und verweist auf eine grosse Anzahl von Studien dazu.

Der wirtschaftliche Nutzen eines Lockdowns

Lockdowns vermindern die wirtschaftlichen Schäden im Vergleich zum Nichtstun vor allem dann, wenn dank ihnen die Ausbreitung des Virus effektiv gebremst werden kann. Das ist dann der Fall, wenn die verordneten einschränkenden Massnahmen streng genug sind und die Öffnung nicht zu früh erfolgt. Der IWF begründet das so: «Indem Lockdowns Infektionen unter Kontrolle bringen, bereiten sie den Weg für eine raschere wirtschaftliche Erholung, weil sich die Leute sicherer fühlen und deshalb wieder ihren normalen Aktivitäten nachgehen.» Die kurzfristigen wirtschaftlichen Kosten durch Lockdowns werden also durch eine grössere darauf folgende ökonomische Aktivität kompensiert. Die starke Wiederbelebung der Schweizer Wirtschaft nach dem Lockdown im Frühling bestätigt das.

Die richtigen Massnahmen

Das bedeutet nicht, dass Lockdowns die beste Methode sind, um das Virus zu stoppen. Angesichts der exponentiellen Ausbreitung sind sie unumgänglich, sobald gewisse Schwellenwerte überschritten werden. Sehr viel weniger kostspielig ist es aber, wenn solche Schwellenwerte gar nicht erst erreicht werden. Diesem Zweck dienen möglichste viele Tests und ein effizientes Contact-Tracing sowie Maskenpflicht. Leider haben die Behörden in der Schweiz darin versagt, ausreichend in entsprechende Kapazitäten zu investieren.

Lockdown ist nicht Lockdown

Selbst wenn Lockdowns gesundheitlich und ökonomisch wieder angemessen sind, ist eine gute Analyse über ihr Ausmass und ihre Dauer nötig. Kriterium dabei muss immer die möglichst effiziente Einschränkung der Virusausbreitung sein, sodass keine unnötigen Kosten entstehen. Gezielte und zeitlich beschränkte Lockdowns, wie sie diskutiert werden, sind aktuell sinnvoller als ein lang anhaltender für das ganze Land. Für geringere Kosten im Vergleich zum letzten Mal spricht, dass viele Prozesse und Strukturen mittlerweile existieren und eingespielt sind, an denen es im Frühling noch mangelte. So dürfte die Arbeit im Homeoffice heute deutlich besser eingeübt und damit effizienter sein. Viele Unternehmen haben Ideen entwickelt, um mit der veränderten Nachfrage besser zu leben. Ein Beispiel dafür ist der Ausbau von Heimlieferdiensten oder Take-away-Angeboten durch Gastronomiebetriebe.

Wo nötig, Hilfe bereitstellen

Ein Lockdown oder ein Mini-Lockdown dürfte für einige dennoch sehr viel drastischer sein als für andere. Das gilt etwa für betroffene Firmen und für Arbeitnehmer, die nicht in ein Homeoffice ausweichen können oder ihren Job verlieren. Es braucht dann erneut Massnahmen, um jenen zu helfen, die unverschuldet in Existenznot geraten. Es geht nicht nur darum, einen Wirtschaftseinbruch zu verhindern. Noch wichtiger ist, gesellschaftliche und wirtschaftliche Schäden zu verhindern, die auch Jahre nach dem Sieg über das Virus spürbar bleiben würden.

161 Kommentare
    Julian P.

    Der Artikel bringt es genau auf den Punkt. Von den vielen Kritikern hier bei den Kommentaren habe ich keine echte Alternative gelesen. Es reicht nicht einfach zu schreiben, dass es Augenmass und Eigenverantwortung braucht. Lösungen sind gefragt. Die Schweiz ist in Europa von einer guten Situation zum Schlusslicht geworden. Was sind die Gründe? Haben die Kantone zu viel oder zu wenig gemacht? Von mir aus gesehen eine einfache Frage mit einer einfachen Antwort.