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Herbst-Tipp WattenmeerAn der Nordseeküste

Im Nordwesten Deutschlands beginnt jetzt die schönste Jahreszeit: Bühne frei für Zugvögel, eine steife Brise und viel heissen Tee.

Sand, Wellen, Wind:  Norderney ist ein Eldorado für Strandwanderer.
Sand, Wellen, Wind: Norderney ist ein Eldorado für Strandwanderer.
Foto Imago

Zuerst kommen die Kandisstücke in die Tasse, dann der heisse Tee. Es knistert so schön, wenn die Zuckerkristalle auseinandersplittern. Wer das bisher nicht wusste und den Tee vor den Kluntjes, wie man den Kandis hier nennt, in die Tasse füllte, würde beim Besuch des Teemuseums in der Kleinstadt Norden eines Besseren belehrt. Das Museum in der nordwestlichsten Stadt Deutschlands hat zwar geöffnet, die Teezeremonie bleibt aber wegen Corona bis auf weiteres ausgesetzt.

Einen Besuch wert: Das historische Teemuseum im Zentrum der Kleinstadt Norden.
Einen Besuch wert: Das historische Teemuseum im Zentrum der Kleinstadt Norden.
Foto: Getty

Abwarten und Tee trinken: Auch wenn das sinnliche Erlebnis zurzeit nicht möglich ist, lohnt sich der Besuch des imposanten Backsteinbaus. Hier erfährt man, dass die Ostfriesen Weltmeister im Teekonsum sind: Pro Kopf fliessen etwa 300 Liter im Jahr die Kehle hinunter. Das hatte früher durchaus mit Kalorienzufuhr zu tun. Denn neben Kandis kommt ja auch ein guter Schuss Schlagrahm in die Tasse. Und zwar so, dass sich «Wulkje»– weisse Wölkchen – bilden. Nach solch einer Teemahlzeit war man gestärkt, der steifen Brise am Meer zu trotzen.

Prickelnde Wirkung auf der Haut

Reisende mit Ziel deutsche Nordseeküste haben eine Auszeit im Sinn: Sie wollen Champagnerluft atmen, die prickelnde Wirkung des Meeres spüren, wenn die Gischt mit aller Wucht auf den Strand prallt.
Die Sommertouristen sind abgereist. Jetzt beginnt hier die schönste Jahreszeit, sagen Fans der ostfriesischen Küste. Denn nun darf man sich auf ein besonderes Naturspektakel freuen: Das niedersächsische Wattenmeer gehört zu den bedeutendsten Rastgebieten für Zugvögel in Europa. Weit mehr als eine Million gefiederter Gäste legt im September und Oktober im Weltnaturerbe Wattenmeer einen Zwischenstopp auf der Reise gen Süden ein. In Corona-Zeiten gibt es bei 3500 Quadratkilometer Fläche auch genug Platz, Abstand zu wahren.

Das Birdspotting wird jedes Jahr beliebter. Im Küstenbadeort Nessmersiel nimmt Jessica Supthut Interessierte mit auf eine Wanderung in den Sonnenuntergang: «Mit etwas Glück können wir Tausende von Nonnengänsen, Eiderenten und Löffler zu ihren Schlafgewässern fliegen sehen. Oder beobachten, wie eine dichte Wolke arktischer Wattvögel über den Salzwiesen aufsteigt», beschreibt die Wattführerin.

Auch der Strand der gegenüberliegenden Insel Norderney ist keinesfalls verwaist. Von weitem sieht es so aus, als wuselten Hunderte von bunten Pünktchen durchs silbrig schimmernde Watt. Es herrscht Ebbe, die Pünktchen erweisen sich als Spaziergänger, denen das Wetter nicht wichtig ist. Wozu gibt es den Ostfriesennerz, die legendäre gelbe Regenjacke oder farbenfrohe Outdoorkleidung?

Royale Ambiance auf Norderney

Norderney von oben: Die ehemals arme Fischerinsel lebt heute zu einem schönen Teil von Kurgästen, die frische, stark jodhaltige Luft ist gesund.
Norderney von oben: Die ehemals arme Fischerinsel lebt heute zu einem schönen Teil von Kurgästen, die frische, stark jodhaltige Luft ist gesund.
Foto: Alamy 

Wer einmal der Küste und den Ostfriesischen Inseln verfallen ist, kommt immer wieder. «Wir haben 65 Prozent Stammgäste», bestätigt Wolfgang Lübben vom Staatsbad Norderney. Auch König Georg V. von Hannover kam immer wieder. 1851 erklärte er Norderney zu seiner Sommerresidenz. Den Hofstaat im Gefolge verlieh er der ehemals armen Fischerinsel Pracht und Grandezza. Königliche Noblesse strahlt das weisse, lang gestreckte «Conversationshaus» aus, es beherbergt heute Bibliothek, Bar, Café und Tourist-Information. Auch herrschaftliche Villen erinnern an Norderneys Zeit als königliches Sommerdomizil.

Der Marsch durchs Watt wird zur spannenden Entdeckungstour, bei der man viele Aha- Erlebnisse gewinnt – und immer wieder staunt, wie sinnvoll in der Natur alles mit allem zusammenhängt.

Schon lange wussten Reisende um die Heilkraft des Meeres. Kuren an der Nordsee kamen in Mode. Norderney wurde früh Seebad. Die frische, stark jodhaltige Luft ist eine pure Wohltat. Aerosole, feinste Salzkristalle, die durch die Brandung in der Luft freigesetzt werden, stärken das Immunsystem, reinigen die Atemwege und sind garantiert coronafrei.

Spannende Entdeckungstour: Bei einer Wattwanderung trifft man auf Abertausende von Wattwurmhäufchen.
Spannende Entdeckungstour: Bei einer Wattwanderung trifft man auf Abertausende von Wattwurmhäufchen.
Foto: Getty

Auch eine Wattwanderung ist gesund. Zudem lernt man, was alles im graubraunen Schlick steckt. Wattwürmer zum Beispiel, die den Meeresboden nach Nahrung durchforsten. Kleine Strandkrabben und Herzmuscheln, die von den Eiderenten komplett verspeist werden. Die Schalen «schietern» sie später aus. Dort siedelt sich der Bäumchenröhrenwurm an. Der Marsch durchs Watt wird zur spannenden Entdeckungstour, bei der man viele Aha- Erlebnisse gewinnt – und immer wieder staunt, wie sinnvoll in der Natur alles mit allem zusammenhängt.

Die geführten Touren auf dem Meeresgrund, den die Nordsee bei Ebbe zwischen Festland und Inseln freigibt, eröffnen den Blick auf eines der grössten Feuchtgebiete der Welt. 10'000 verschiedene Tiere, Pflanzen und Kleinstlebewesen finden hier Nahrung.

2009 wurde das deutsch-niederländische Wattenmeer in die Liste des Unesco-Weltnaturerbes aufgenommen. In Gummistiefeln und Regenjacken, den Südwester tief ins Gesicht gezogen, lassen sich Naturbegeisterte gern den Wind um die Ohren blasen. Nach einem Ausflug ins Watt haben sie nur noch einen Wunsch: eine Tasse Ostfriesentee bitte mit Kluntje und Wulkje.