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Schulanfang in ItalienAls wäre es für alle der erste Schultag

Sechs Monate lang waren Italiens Schulen geschlossen. Vor dem Schulstart versprach Rom viel zu viel: Millionen Einzeltische, Gratismasken für alle, 85’000 neue Lehrer.

Vorgeschrieben sind die Schutzmasken nur, wenn die Schüler nicht sitzen: Im Turiner Gymnasium Massimo D’Azeglio, wo der Unterricht schon letzte Woche begann, tragen sie die Schüler auch beim Sitzen.
Vorgeschrieben sind die Schutzmasken nur, wenn die Schüler nicht sitzen: Im Turiner Gymnasium Massimo D’Azeglio, wo der Unterricht schon letzte Woche begann, tragen sie die Schüler auch beim Sitzen.
Foto: Alessandro Di Marco (EPA)

Eine schier unendliche Pause geht zu Ende, eine ungewollte und oftmals belastende. In keinem Land Europas sind die Schulen wegen der Pandemie und der Sommerferien länger geschlossen geblieben als im früh und hart getroffenen Italien: sechs Monate insgesamt, seit dem Lockdown Mitte März. Eine Zäsur. Und selbst Kindern in den oberen Klassen muss es so vorkommen, als sei das ihr erster Schultag im Leben.

Der Entscheid der Regierung, die Schulen nicht früher zu öffnen, wurde vom Volk während dieser ganzen Zeit breit getragen, obschon er die Familien vor grosse Schwierigkeiten stellte. In Italien arbeiten oft beide Elternteile, damit es fürs Leben reicht. Für einmal konnte man für die Kinderbetreuung auch nicht auf die Grosseltern zählen, weil die ja der gefährdetsten Alterskategorie angehören. An diesem Montag, 14. September, kehrt nun ein Grossteil der acht Millionen schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen in ihre Klassen zurück – begleitet von viel ungefährer Kommunikation, einigem logistischem Chaos und dem üblich lauten Polemisieren der Politik.

«Ihr müsst euch an die Regeln halten, um euch und jene zu schützen, die euch lieben und die ihr liebt.»

Giuseppe Conte, Italiens Premier, zu den Schülern

«Es wird Schwierigkeiten geben, Unannehmlichkeiten, vor allem am Anfang», räumte Giuseppe Conte in seinen Glückwünschen an die Schüler ein. «Ihr müsst euren Part leisten und euch an die Regeln halten, um eure Gesundheit und die Gesundheit derer zu schützen, die euch lieben und die ihr liebt.» Eine grosse Emotion sei das, sagte Italiens Ministerpräsident, auch für ihn persönlich – als Premier und Vater eines Jungen, der ebenfalls auf die Schulbank zurückkehre. Conte wählte Facebook, drei Minuten nur dauerte seine Liveschaltung am Sonntagmittag, doch wahrscheinlich erreichte er so mehr von seinem Zielpublikum als mit einem Auftritt am Fernsehen.

Konnte ihr Versprechen, dass genügend Masken für Schüler zur Verfügung stünden, bislang nicht einhalten: Italiens Erziehungsministerin Lucia Azzolina.
Konnte ihr Versprechen, dass genügend Masken für Schüler zur Verfügung stünden, bislang nicht einhalten: Italiens Erziehungsministerin Lucia Azzolina.
Foto: Remo Casilli (Reuters)

Etliche Fragen sind trotz der langen Vorbereitungszeit noch ungelöst. Lucia Azzolina, die junge und noch unerfahrene Bildungsministerin von den Cinque Stelle, musste dafür in den vergangenen Wochen viel Kritik einstecken. Oppositionschef Matteo Salvini von der rechten Lega kündigte gar an, er werde in den kommenden Tagen einen Misstrauensantrag gegen die Ministerin stellen im Parlament. Viel Aussicht hat er damit nicht. Einige Dinge liefen tatsächlich schief, doch im italienischen Schulsystem gibt es nun mal strukturelle Probleme, die sich nicht in einem Sommer lösen lassen – und die Lehrergewerkschaften sind legendär reformresistent.

Azzolina versprach zum Beispiel, dass der Staat allen Schülern gratis Gesichtsmasken verteilen werde, doch insgesamt fehlten drei Tage vor dem D-Day 77 Millionen «mascherine». Tragen sollen die Kinder den Schutz, wenn sie nicht an ihrem Platz sitzen. Versprochen wurde auch, dass es zum Schulstart in allen Klassenzimmern Einzeltische geben werde, total 2,4 Millionen, doch die Ambition war völlig überrissen: Die Fabriken schafften nur einige Hunderttausend. Nun soll das Versprechen bis Ende Oktober eingelöst werden.

Die Aussicht auf einen Job war nicht Antrieb genug

Kontrovers verhandelt wird auch die Frage, wer den Kindern am Morgen jeweils die Körpertemperatur messen soll: Die Regierung beschloss, dass die Eltern daheim dafür zuständig seien. Bei Fieber und anderen möglichen Symptomen für eine Infizierung mit Corona müssen die Kinder zu Hause bleiben und der Arzt benachrichtigt werden. Der Regionspräsident des Piemonts drängte darauf, dass die Temperatur stattdessen in den Schulen gemessen werde – einheitlich, den Eltern sei nicht zu trauen. Rom wollte im August 85’000 Lehrer rekrutieren, damit die bereits absehbaren Absenzen und die unweigerlich eintretenden Lücken kompensiert werden können: Im Lehrpersonal ist die Sorge vor einer Ansteckung gross und die Aussicht auf eine Stelle offenbar nicht interessant genug. Nur 22’000 liessen sich bisher finden.

Und so ist ein Teil der italienischen Schulen noch nicht bereit. In einigen Regionen wurde der Neustart in eine «neue Normalität», wie sie genannt wird, bereits um eineinhalb Wochen aufgeschoben, weil am kommenden Wochenende Wahlen stattfinden: Vielerorts fungieren Schulen als Wahllokale. Die Räumlichkeiten müssen nach dem Urnengang erst wieder desinfiziert werden.

In der Region Kampanien ist Gouverneur Vincenzo De Luca, der wohl gerade wegen seiner Härte im Kampf gegen das Virus wiedergewählt wird, nicht einmal sicher, ob er die Schulen nach der Säuberung am 24. September öffnen mag. Als er danach gefragt wurde, sagte er: «Ich weiss es nicht.» Die Zahl der Neuansteckungen steigt seit sechs Wochen in ganz Italien wieder an und mit ihr die Sorge um die Grosseltern.