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Denkwürdige TV-InterviewsAls Maurer und Mörgeli ihren Trump-Moment hatten

Journalist Chris Wallace grillierte US-Präsident Donald Trump richtiggehend in einem TV-Interview. Auch Schweizer Persönlichkeiten wurden vor den Augen der Nation an ihre Grenzen gebracht.

Christoph Mörgeli, Sandro Brotz und die umstrittenen Dissertationen: In der «Rundschau» von SRF läutete der Moderator das Ende von Mörgelis politischer Karriere ein.
Christoph Mörgeli, Sandro Brotz und die umstrittenen Dissertationen: In der «Rundschau» von SRF läutete der Moderator das Ende von Mörgelis politischer Karriere ein.
Foto: Screenshot SRF

Das Interview mit Donald Trump gibt zu reden: Fernsehjournalist Chris Wallace brachte mit Ruhe und Beharrlichkeit den amtierenden US-Präsidenten vor laufenden Kameras in Bedrängnis (lesen Sie hier mehr darüber). Was auf Fox News geschah, gelang auch in Schweizer TV-Interviews: Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft wurden mit einigen wenigen Fragen in die Enge getrieben, entlarvt und demontiert. Vier Beispiele aus der jüngeren Fernsehgeschichte:

1999: Ueli Maurer verlässt den «Sonntalk» mit Roger Schawinski

Tele24 gibts seit bald zwanzig Jahren nicht mehr, aber auf Youtube ist das Video vom Oktober 1999 noch immer ein Klickhit: Der kurze Ausschnitt zeigt, wie Ueli Maurer, damals SVP-Präsident, den «Sonntalk» mit Roger Schawinski verlässt. Diskutiert wurde ein Brief Christoph Blochers, worin sich dieser lobend über ein Buch des Holocaust-Leugners Jürgen Graf äussert. Blocher bestritt nach Publikwerden des Briefes, das Buch von Graf mit dem Titel «Vom Untergang der schweizerischen Freiheit» gelesen zu haben.

In Rage geriet Maurer aber nicht wegen der Debatte um den Brief oder kritischen Fragen dazu, sondern weil Roger Schawinski ziemlich grundsätzlich wurde: «Im Prinzip», so Schawinski, sei Maurer «Parteipräsident von Christoph Blochers Gnaden.» «Das darf man, glaube ich, sagen», setzte Schawinski nach. Ueli Maurer wars zu viel: Er löste das Mikrofon von seinem Sakko und verliess die Sendung.

2001: Alberto Togni lässt die Swissair sterben

2. Oktober 2001, die Swissair-Flieger stehen am Boden. Grounding. Die Schweiz wartet gespannt auf die letzten Nachrichten an diesem Tag: «10vor10». Als Erster kam der damalige Verwaltungsratspräsident Mario Corti zwischen Verhandlungen mit Bank und Bundesrat ins Studio. Ein schauerlicher Auftritt: Ja, die Moderatorin habe schon richtig verstanden, er wisse nicht, ob er morgen noch weitermachen könne. «Das müssen Sie die Bankenseite fragen», antwortet er auf viele weitere Fragen, die ihm Moderatorin Alenka Ambroz stellte.

Tatsächlich spricht jemand später in der Sendung von der «Bankenseite», nämlich Alberto Togni, damals Vizepräsident des UBS-Verwaltungsrates. Die Bank habe alles gegeben, so gut wie die UBS hätte das wohl keine andere Bank hinbekommen. Moderatorin Ambroz weist darauf hin, dass die Flieger doch weiterhin am Boden bleiben müssen. Wieso flossen die Millionen so langsam? Wo ist UBS-Chef Marcel Ospel in dieser Zeit der Krise? Togni verteidigt sich, verteidigt den abwesenden Ospel – und schiebt die Schuld auf andere. Das kam nicht gut an. Immerhin ging es um nichts weniger als den «Nationalstolz», wie die Swissair gerne genannt wurde.

2009: Patrizia Laeri demontiert Peter Kurer in Boni-Diskussion

Sind Boni gerechtfertigt? Was ist mit den sogenannten variablen Lohnanteilen? Sind 180’000 Franken im Jahr nicht schon genug als Lohn? Wieso so viel? Also keine Millionenlöhne mehr? Patrizia Laeri, 2010 noch Reporterin bei «10vor10», hörte einfach nicht auf, nachzuhaken. Peter Kurer, damals Verwaltungsrat bei der UBS, windet sich mit versteinerter Mine. Viele «Ähm, viele Floskeln, viel Rudern. Und als er dachte, er hätte es hinter sich gebracht, fragte Laeri: «Wie wollen Sie jetzt aus diesem Schlamassel rauskommen?» Ähm, Fortschritte, ähm, stabil, ähm, Marktsituation.

Die ganze Demontage ging dabei sehr gesittet vonstatten. Laeri fragte nicht angriffig, sondern auf Fakten gestützt, in einer Seelenruhe. So souverän, dass nach der Ausstrahlung diverse Zeitungen darüber berichteten. Man könnte sogar sagen, dass dieses Interview den Durchbruch in Laeris Karriere markierte.

2013: Sandro Brotz läutet das Ende von Christoph Mörgelis Politkarriere ein

«Sind Sie jetzt vom Aff bisse?» Christoph Mörgelis letzter Angriffsversuch aus dem «Rundschau»-Interview mit Sandro Brotz ist auch nach bald sieben Jahren noch im TV-Bewusstsein. Von zwölf Dissertationen, die der damalige SVP-Nationalrat betreut hatte und die aber im Wesentlichen nur aus Transkriptionen bestünden, war im «Rundschau»-Talk die Rede. Mörgeli versuchte, die Kritik mit Angriffen und Gegenfragen sowie Abschweifungen ins Polemische zu entkräften.

Das ging schief: Als Sandro Brotz fragte, ob Mörgeli als Politiker zurücktrete, da seine Glaubwürdigkeit gelitten habe, lancierte der SVP-Politiker seinen letzten Angriff mit der berühmten Frage, eben: «Sind Sie jetzt vom Aff bisse?» Dass Mörgeli da schon ziemlich am Rudern war, wird im Gespräch rasch deutlich: Als er nachzusetzen versucht mit der Behauptung, beim Schweizer Fernsehen würden eh nur Linksextreme arbeiten, schnappt er wiederholt mit geneigtem Kopf nach Luft zwischen den einzelnen Wörtern.

Damit wurde das Ende von Mörgelis politischer Karriere eingeläutet: Die Unabhängige Beschwerdeinstanz des Schweizer Fernsehens lehnte seinen Einspruch gegen das Interview von Sandro Brotz ab; ein internationales Expertengremium stützte die Kritik an den Dissertationen weitgehend – und 2015 wurde Christoph Mörgeli als Nationalrat nicht wiedergewählt.

19 Kommentare
    Markus Schwager

    Was für eine himmeltraurige Performance dieses Alberto Togni. Ausflüchte noch und nöcher. Ospel hätte noch andere Dinge zu erledigen. Es ging ja nur um tausende von Arbeitsplätzen... Ich kenne einige, die nach dem Grounding der Swissair alles verloren haben. Irritierend auch der Dornröschenschlaf des Bundes.

    Vor einigen Monaten wurden dutzende von Milliarden für die Wirtschaft wegen Corona im Parlament durchgewunken.

    Damals war es offensichtlich nicht möglich (oder nicht gewollt?) einige hundert Millionen aufzubringen und einem Traditionsunternehmen zumindest vorübergehend unter die Arme zu greifen. Das Schlimme an dieser Tragödie ist die Tatsache, dass die Verantwortlichen nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Nein im Gegenteil, man zahlte ihnen im Rahmen des Gerichtsverfahrens noch eine Entschädigung. Einfach nur grotesk, das Ganze.