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Corona-Pandemie in Europa«Alles, was wir lieben, liebt auch das Virus»

Als das Coronavirus Europa erreichte, hat es zunächst in Norditalien gewütet. Bergamo steht für die Covid-Tragödie. Madrid war ein anderer europäischer Corona-Hotspot, und Ischgl wurde zum Alpen-Spreader.

Ein Drama zwischen Leben und Tod: Im Tor Vergata Spital in Rom hält eine Krankenschwester die Hand eines Covid-19-Patienten.
Ein Drama zwischen Leben und Tod: Im Tor Vergata Spital in Rom hält eine Krankenschwester die Hand eines Covid-19-Patienten.
Foto: Keystone

Bergamo: Stadt des Martyriums

Ein Bild, das um die Welt ging: Armeelastwagen transportieren Särge mit Covid-Toten nach Ferrara, weil es in Bergamo keinen Platz mehr hat.
Ein Bild, das um die Welt ging: Armeelastwagen transportieren Särge mit Covid-Toten nach Ferrara, weil es in Bergamo keinen Platz mehr hat.
Foto: Keystone

Ein Ort, stellvertretend für alle: Bergamo. Im Namen dieser Stadt im Norden Italiens, 120’000 Einwohner, reich an Kultur und stillem Schaffen, hallt das Drama nach, das im Frühjahr über ganz Europa kam und sich ins Bewusstsein grub.

Zunächst schleichend, mit Bildern von Ambulanzen, die sich vor der Notaufnahme des «Papa Giovanni XXIII.» stauten. Mit Bildern aus den Gängen des grossen Spitals, die Menschen an Beatmungsgeräten zeigten – intubiert, beim Überlebenskampf. Mit Bildern von Ärzten und Pflegern, ihre Gesichter zerfurcht von Müdigkeit und Ohnmacht. Und dann waren da natürlich die Bilder der Militärtransporter in der Nacht, ein ganzer Konvoi, der die vielen Todesopfer der Seuche wegbringen sollte.

In der «Città martire», wie die Italiener Bergamo jetzt nennen, «Stadt des Martyriums», waren die Krematorien an ihre Grenzen geraten. Im Lokalblatt «L'Eco di Bergamo» erschienen an manchen Tagen zehn, zwölf, vierzehn Seiten allein mit Todesanzeigen. Irgendwann entschied die katholische Kirche, die Totenglocken in der Bergamasca, der Provinz um Bergamo, nicht mehr zu läuten. Ambulanzsirenen und Totenglocken: Es war zu viel geworden.

Wenn man im Rückblick den Moment bestimmen müsste, da die Italiener und wohl auch viele Europäer Corona tatsächlich als tödliche Gefahr erkannt haben, dann war es die Verbreitung der Bilder dieses Konvois vom 18. März. Sie brannten sich in die Seelen. Und in die Köpfe.

Man nannte Bergamo nun auch «Corona-Kapitale Europas» oder «Europas Wuhan». Davor hatte es schon Codogno gegeben, die Kleinstadt mit dem ersten bekannten Infizierten in Italien etwas weiter südlich. Aber Bergamo wurde zur wichtigsten Chiffre für Europas Kampf gegen Corona. Nirgendwo war die Übersterblichkeit in den Monaten März und April höher als dort plus 568 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren.

«Spiel null» in der Champions League

«Covid hat uns weltbekannt gemacht», sagte Bürgermeister Giorgio Gori im Herbst, als die zweite Welle der Pandemie die Lombardei wieder mit ganzer Wucht traf. «Nun wollen wir diese Bekanntheit bald nutzen und vom Symbol der Tragödie zum Beispiel der Wiedergeburt werden. Das ist das Ziel.» Gori meint das konkret: Wenn das Reisen irgendwann wieder möglich sei, hoffe man auf viele neue Touristen aus Übersee. «Jetzt kennt man uns ja.»

Zur Bekanntheit trug auch die «Dea» bei, die Göttin mit dem wallenden Haar, die das Wappen des Fussballvereins Atalanta Bergamo schmückt. Der Provinzklub erlebte vergangene Saison einen märchenhaften Aufstieg in die europäische Elite, die Sternstunde seiner Geschichte.

Das Spiel gegen den FC Valencia am 19. Februar, ausgetragen im Mailänder Stadion San Siro, Achtelfinale der Champions League, war Triumph und Tragödie zugleich. Es gilt heute als «Spiel null», als Superspreading-Event: 44’000 Zuschauer, aus allen Tälern rund um Bergamo waren sie angereist und standen eng an eng im Strudel der Begeisterung. Atalanta gewann 4:1 und Bergamo verlor dabei wohl den ersten Kampf gegen Corona.

Die zweite Welle traf die Bergamasca zunächst weniger stark als die anderen Provinzen der Lombardei. Covid-19-Patienten aus dem nahen Mailand wurden ins Spital «Papa Giovanni XXIII.» gebracht, weil es dort noch freie Intensivbetten gab.

Und man fragte sich in Italien, ob die Bergamaschi womöglich immun seien, geschützt von den passenden Antikörpern. Im Frühling, in der akuten Phase, hatten sich Hunderttausende angesteckt – viele von ihnen, ohne es zu merken, damals wurden ja kaum Tests durchgeführt. Hatte Bergamo am Ende gar die Herdenimmunität erreicht? Ein kleines Glück nach all dem Leid? Eine Garantie dafür gab es aber nicht. (Lesen Sie zum Thema Corona-Sterblichkeit den Artikel «Warum nur sterben in Italien so viele Menschen?»)

Bergamo steht immer wieder auf

Ganz zu Beginn der Epidemie hatte Bürgermeister Gori zur Schar von Politikern und Unternehmern, Experten und Journalisten gehört, die das Problem kleinredeten. Er sollte sich später dafür entschuldigen. Wie viele andere fürchtete Gori, dass diese Geschichte die örtliche Exportindustrie abwürgen könnte.

Diese Industrie war immer schon eine der kräftigsten im ganzen Land – angetrieben vom sprichwörtlich stählernen Arbeitsethos der Bewohner von Bergamo. Kunden überall auf der Welt sollten sich keine Sorgen machen. Dafür wurde die Kampagne «Bergamo is running» geschaltet, als Gegennarrativ, doch zu diesem Zeitpunkt rannte vor allem die Seuche. Aber so sind sie nun mal hier: Damit sie die Arbeit niederlegen, muss man sie schon zwingen.

Die Entscheidung, alles zu schliessen, kam viel zu spät. Wie das genau lief damals, warum trotz aller Hinweise lange Zeit keine «Zona rossa» dekretiert wurde für Bergamo, keine Sperrzone, wie es davor in Codogno der Fall gewesen war, und warum das Hospital von Alzano Lombardo im Seriana-Tal am 23. Februar nach zwei Infektionsfällen geschlossen, dann aber nach drei Stunden gegen den Rat der Ärzte und ohne vorherige Desinfizierung wieder geöffnet wurde – mit solchen Fragen beschäftigen sich nun Staatsanwälte.

Es laufen mehrere Ermittlungsverfahren, eines davon wegen des Verdachts auf «fahrlässig herbeigeführte Epidemie», gegen hohe Funktionäre der lombardischen Regionsverwaltung.

Die Geister werden die Stadt so schnell nicht loslassen, die Bilder in den Köpfen wirken nach. Aber Bergamo stehe wieder auf, sagen sie hier: Es sei schliesslich noch immer wieder aufgestanden. (Oliver Meiler, Rom)

Madrid: Verletzte Seele

Normalität während der Pandemie: Zwei Frauen mit Mundnasenschutz vor einer Plakatwand in Madrid, die für das Maskentragen wirbt.
Normalität während der Pandemie: Zwei Frauen mit Mundnasenschutz vor einer Plakatwand in Madrid, die für das Maskentragen wirbt.
Foto: Keystone

Madrid ist anders geworden. Eine versehrte Stadt. Wo früher ein Lächeln war, ist heute ein Stück Stoff. Wo sich früher die Menschen drängten, traut man sich jetzt nicht mehr hin. Und wo vor gar nicht langer Zeit noch Souvenirs verkauft wurden, hängt ein Schild: «Total-Ausverkauf aus Verzweiflung – ausgenommen Anti-Covid-Produkte.»

Die Pandemie hat Spanien schon jetzt verändert. Kaum ein Land der Welt hat eine so weitreichende Maskenpflicht. Die Menschen tragen ihre Maske, sobald sie die Wohnungstür hinter sich zuziehen. Manche sogar, wenn sie im Park joggen gehen, obwohl sie das gar nicht müssten. Die «mascarilla», so die gebräuchliche Verkleinerungsform, gehört hier noch mehr zum Alltag als anderswo.

Andere Dinge, die früher Alltag in Madrid waren, sind verschwunden. Die vollen Bars, die Touristen aus aller Welt, das Ausgehen bis zum frühen Morgen all das fehlt nun in der spanischen Hauptstadt, die einmal so stolz und lebensfroh war.

«Die erste Welle hat uns getroffen wie ein Tsunami», erzählt ein Arzt, der als Notfallmediziner in einem Madrider Spital um die Leben von Patienten kämpfte. In diesem Frühjahr starben in Spanien binnen weniger Wochen fast 30’000 Menschen, bei denen eine Infektion mit Sars-CoV-2 nachgewiesen wurde. Viele starben in Alten- und Pflegeheimen, allein, ohne Angehörige und ohne einen Arzt. Die Spitäler waren voll. Die ganze Nation musste ihnen beim Sterben zusehen.

Zweite Welle statt neue Normalität

Auf dieses Trauma folgte das nächste: Die Regierung verhängte sechs Wochen strikte Ausgangssperre. Besonders hart traf es Spaniens Kinder. Während Erwachsene einkaufen gehen oder zumindest das Altglas zum Container bringen durften, waren die Kinder 43 Tage lang eingesperrt, ohne an die Luft zu kommen.

Das katholisch geprägte Spanien erliess die schärfsten Bestimmungen in ganz Europa – als könne man das Coronavirus austreiben wie den Teufel, durch sechs Wochen Selbstkasteiung. Helikopter kreisten über Wohngebieten, das Militär überwachte die Einhaltung der Anti-Corona-Massnahmen. Wer einkaufen war, musste sich darauf gefasst machen, dass sein Kassenbon mit dem Inhalt seiner Tüten verglichen wurde.

Noch ehe der Sommer ganz vorüber war, kam die zweite Welle. Sie platzte mitten hinein in die «neue Normalität», die Ministerpräsident Pedro Sánchez ausrief, nachdem er das Virus für besiegt erklärt hatte. Die Fallzahlen stiegen wieder dramatisch.

Hatte man nichts gelernt nach den harten Wochen im Frühjahr? Viele Menschen hatten im Herbst wieder Angst vor dem Virus. Premier Sánchez verhängte erneut den Alarmzustand – aber manche Menschen hatten noch mehr Angst vor einem neuen Lockdown und seinen Folgen. (Lesen Sie dazu den Artikel «In Madrid herrscht die grosse Verwirrung».)

Verheerende Wirtschaftskrise

Für viele Spanier ist es untypisch, allzu weit in die Zukunft zu blicken. Man lebt den Moment. Doch nun steht Spanien eine Wirtschaftskrise bevor, die deutlich schlimmer wird als die letzte, sagen die Prognosen. Das Wegbleiben der Touristen trifft das Land hart. Nicht nur der Ballermann auf Mallorca war verwaist, viele Menschen aus ganz Europa wagten sich dieses Jahr nicht in ihr liebstes Ferienland.

13 Prozent der Jobs in Spanien hängen vom Fremdenverkehr ab. «Die Touristen werden wiederkommen, Spanien hat noch immer, was viele Menschen in den Ferien suchen», sagt Wirtschaftsministerin Nadia Calviño. Doch es klingt mehr wie eine inständige Bitte als eine Gewissheit.

Wenn die Besucher zurückkehren, werden sie ein anderes Spanien vorfinden. Der Leerstand frisst sich bereits durch die Erdgeschosse der Hauptstadt. In der Gran Vía, Lebensader Madrids und eine der belebtesten Einkaufsstrassen Europas, hatte im Herbst ein Drittel der Geschäfte geschlossen, manche nur vorübergehend, andere für immer. Das verändert nicht nur das Stadtbild, es verändert auch die Menschen, die dort leben.

Die Pandemie hat die spanische Seele tiefer verletzt, als es den Anschein hat. Viel wurde darüber nachgedacht und geschrieben, ob die hiesige Lebensart die Ausbreitung des Virus begünstigt. Das Umarmen und Küssen, die Nähe und die Lautstärke der Gespräche. «Alles, was wir Spanier lieben, liebt auch das Virus», sagte ein Arzt im Fernsehen. Man kann nur hoffen, dass es dem Virus nicht gelingt, der spanischen Herzlichkeit das Unbeschwerte zu nehmen. (Karin Janker, Madrid)

Ischgl: Alpen-Super­spreader

Après-Ski-Gaudi gibt es in diesem Winter nicht:  Das berühmt-berüchtigte Kitzloch in Ischgl.
Après-Ski-Gaudi gibt es in diesem Winter nicht: Das berühmt-berüchtigte Kitzloch in Ischgl.
Foto: Keystone

In Ischgl gab man sich optimistisch: Trotz Corona und trotz des schlechten Images, das sich mit dem Tiroler Skiort seit dem Frühjahr 2020 verbindet, wollte man kurz vor Weihnachten in die Wintersaison starten. Ski fahren sollten die Touristen und dabei sorgenfrei sein.

Dann erreichte die Rate der Neuinfektionen in Österreich Mitte November einen weltweiten Höchststand, Kanzler Sebastian Kurz kündigte düster einen neuen Lockdown an: «Treffen Sie niemanden!» Das Land stand still, zunächst bis 6. Dezember. Inzwischen hat die Kurz-Regierung den dritten harten Lockdown verhängt. Trotzdem werden fast alle Skigebiete an Weihnachten ihre Saison starten – unter besonderen Auflagen.

Saisonstart erst in zweiter Januarhälfte

Ischgl wartet zunächst ab. Das Problem sei das grenzüberschreitende Skigebiet mit der Schweiz, sagt Ischgls Tourismuschef Andreas Steibl. «Wenn man zwei Schwünge auf Schweizer Gebiet macht, müsste man bei Rückkehr nach Österreich in Quarantäne.» Auch bei der Schutzmaskenpflicht und der Gastronomie herrschten in der Schweiz und Österreich teils völlig andere Bestimmungen. «Wir sind im Schaufenster und wollen unter diesen Bedingungen lieber nicht starten», lässt Steibl verlauten. Ein Start in die Skisaison werde nun in der zweiten Januarhälfte – nach dem bis 17. Januar dauernden Lockdown – angepeilt.

Seit März steht die Region rund um Ischgl unter besonderer Beobachtung. Damals breitete sich die Corona-Pandemie in Europa längst aus – auch aus Ischgl flogen isländische Touristen mit dem Virus heim, worüber Island die Verantwortlichen in Tirol pflichtgemäss informierte.

Es folgten: Ausweich- und Vertuschungsmanöver, aufgeschobene oder falsche Entscheidungen. Und Ischgl ging als «Superspreader-Ort» in die Pandemie-Geschichte ein. Was war geschehen? Anstatt alles Nötige zur Eindämmung des Virus zu unternehmen, verzichteten die Behörden darauf, die Bar, in der das Virus bereits grassierte, zu schliessen. Eine Übertragung auf andere Gäste sei «aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich».

Miserables Krisenmanagement

Auch als klar war, dass sich das Virus schnell ausbreitete, blieben Hotels, Restaurants und Lifte offen. Der Bürgermeister gab die schliesslich doch noch erfolgte Anordnung, den Skibetrieb einzustellen, einen Tag zu spät weiter.

Als Bundeskanzler Kurz am 13. März an einer Medienkonferenz mitteilte, die Region werde unter Quarantäne gestellt, war nichts vorbereitet. Kontaktblätter fehlten, die Bahn stellte ihren Betrieb ein, Panik brach aus: Tausende Touristen verliessen, teilweise unter Zurücklassung von Hab und Gut, den Ort und nahmen das Virus unfreiwillig gleich mit.

Das Abreisechaos wurde nur noch übertroffen von der Katastrophe, die es auslöste. Eine Untersuchungskommission attestierte den Tiroler Behörden miserables Krisenmanagement und eine unredliche Information der Öffentlichkeit. (Lesen Sie dazu den Artikel «Nicht nur die Tiroler Behörden versagten, sondern auch die Regierung Kurz».)

Mehrere Strafverfahren wurden eingeleitet, der österreichische Verbraucherschutzverein kündigte eine Sammelklage an. Tausende Menschen dürften sich mit dem Coronavirus angesteckt haben, weil in Ischgl fahrlässig gehandelt wurde. (Cathrin Kahlweit, Wien)

13 Kommentare
    patrickstreel

    Die Dummheit gewisser Menschen reicht für das Virus - wenn ich auf Social Media sehe, wie andere Weihnachten verbracht haben muss man sich gar nichts mehr fragen, muss man keine Restaurants mehr schliessen und auch keine Skigebiete. Zusammenkünfte aller Alterklassen ohne Abstand, ohne Maske an eng gestuhlten Tischen zu freudigem Speis und Drank. Dummheit ist nicht heilbar, Egoismus auch nicht. Nach mir die Sinnflut, das Virus lacht sich ins Fäustchen und deckt das grösste Problem unserer Zeit auf; Der Mensch kann nicht mehr verzichten und Solidarität ist ein Fremdwort! Der Januar wird toll, denn gerade all diese Menschen sind die ersten die nach Pflege und IPS Plätzen schreien werden, welche man ihnen konsequenterweise verwehren müsste! Dummheit ist nicht heilbar, aber Egoismus und unsolidarisches Handeln sollte strafbar sein. Leider steht uns da unsere heilige Verfassung im Weg. Frohe Festtage.