Warum isst man im Kino Popcorn?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktorinnen und Redaktoren häufig gegoogelte Fragen.

Popcorn-Plausch im Kino ist nicht jedermanns Sache.

Popcorn-Plausch im Kino ist nicht jedermanns Sache.

(Bild: Reuters)

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Weils schmeckt. Okay, kleiner Scherz. Aber ist es nicht seltsam, dass im Kino, wo man sich gerne auf einen Film konzentrieren würde, immer diese Popcornmampfer neben sich hat? Oder womöglich selber einer ist? Damit zugegeben: Ich esse es ab und zu selber gerne, beisse auch auf den wenigen nicht gepoppten Körnern rum, geniere mich dann aber geräuscheshalber vor dem Restpublikum dermassen, dass ich versuche, noch während der Werbung und den Trailern möglichst die ganze Tüte in mich reinzukippen.

Der Hintergrund: Für Popcorn braucht es speziellen Puffmais, den es Überlieferungen zufolge seit über 4000 Jahren gibt, der aber erst im späten 19. Jahrhundert in Nordamerika zum Hit wurde. Weil: Ein gewisser Charles Cretors hat 1885 die erste mobile Popcornmaschine (damals dampfbetrieben) erfunden. Mit dieser Erfindung war es fliegenden Händlern möglich, an Jahrmärkten und anderen populären Veranstaltungen das Popcorn vor Ort zuzubereiten. Spektakel plus Duft gleich volle Kassen.

Auch das Kino entspringt ja dem Geist des Jahrmarkts beziehungsweise Variété-Theatern, worauf die Händler folgerichtig auch dort auftauchten. Annehmlichkeiten plus Aufregung gleich Geschäft. Und weil das Business so gut lief, wurden die Popcornhändler bald von den Kinos «enterbt», die den gepoppten Mais fortan selber herstellten und sich damit eine zusätzliche Einnahmequelle schufen. Man nennt das Kapitalismus.

Das Gute daran: In den Zeiten der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre war es auch für gebeutelte Existenzen noch möglich, sich den kleinen Luxus Kino plus Popcorn zu gönnen. So kam es dann auch zu jenem stehenden Begriff, dem Popcorn-Kino, was in der Verbindung von Anlass plus Snack massentaugliche und vermeintlich nicht besonders hochstehende Filme bezeichnet.

Und heute? Popcorn ist zwar teurer geworden, die Kinotickets auch, aber es ist kein Zufall, dass man diese Säckchen beziehungsweise Kübel heute immer noch vorwiegend in Mainstreamtempeln bekommt. In Arthouse-Sälen muss man bis heute Glück haben, eine Tüte Popcorn zu ergattern. Knuspern stört womöglich die Intimität des jüngsten Flüsterdramas.

Womit wir wieder bei der Geräuschkulisse wären. Darf man im Kinotempel Popcorn mampfen um jeden Preis? Man könnte ja zum Beispiel auch ... Salami- und Käsehäppchen oder Austern servieren? Fakt ist: Bezüglich Aufwand ist Popcorn das kleinste Übel, es hat eine Geschichte, und ja, natürlich werde ich mich weiterhin genieren, wenn die Tüte bis Filmbeginn nicht verputzt ist.

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