Zum Hauptinhalt springen

Rettungsversuch fürs ImageAb durch die Mitte

Rückblick auf das Jahr 2020: Die CVP gibt sich tollkühn einen neuen Namen. Und jetzt?

Die CVP will nun «Die Mitte» heissen. Kurz DM – wie Deutsche Mark.
Die CVP will nun «Die Mitte» heissen. Kurz DM – wie Deutsche Mark.
Foto: Jonas Zürcher

Das Jahr neigt sich hurtig seinem Ende zu. Mit Grausen schaut man zurück. Die private Bilanz: Das Jahr 2020 war gar kein Jahr. Sondern ein Totalausfall von allem, was Spass macht. Die politische Bilanz: 2020 war ein Kapitulationsjahr. Machtübergabe der Politiker an die Experten, an Virologen, Medizinerinnen und Statistikfreaks.

Es kam zur Selbstausschaltung aller Parteien. Aller? Nein! Ein unbeugsames Völkchen leistet Widerstand. Es ist kreativ. Das ist die CVP. Die Christdemokraten geben sich einen neuen Namen. Sie wollen «Die Mitte» heissen. Abgekürzt DM. Wie Deutsche Mark. Strange.

Die Umbenennung ist ein tollkühner Schachzug. Hätte man von der CVP nicht gedacht. Dass eine Partei, die über einen Wähleranteil von schlappen 11,4 Prozent verfügt, für sich in Anspruch nimmt, die Mitte zu vertreten, dazu braucht es echt Mut. Womöglich Todesmut.

Angesichts der niedrigen Wählerzahlen wäre es vielleicht nicht völlig falsch gewesen, zum lieben Gott zu beten, anstatt den christlichen Glauben vollends preiszugeben. Zumal sich die Kirchen leeren und die Moscheen füllen. Andererseits leben wir in einem säkularen Staat, und dem lieben Gott steht es frei, in «Die Mitte» einzutreten. Wäre immerhin ein Parteimitglied mehr.

Wo liegt die Mitte?

Der liebe Gott mag wissen, was die Mitte ist. Ich weiss es nicht. – Die Mitte, das ist dieses Hindernis, wenn ich mich bücke. – «Die Mitte», das ist eine Partei, die sich gegen rechte und linke Extrempositionen wendet, die es realiter gar nicht gibt. Extremer kann eine Partei gar nicht sein als eine CVP, die sich abgrenzt gegen das Nichtexistierende. Oder habe ich etwas übersehen? Gibt es Kommunisten im Parlament, die für eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel agitieren, und Rechtsnationale, die für faschistoide Ideen plädieren?

Die Mitte, das ist für mich jener Konsens, der sich durch Aushandeln unterschiedlicher Positionen herstellt. Braucht es für die Herstellung dieser Mitte tatsächlich eine eigene Partei? Misstraut die CVP der Konsensdemokratie? Wohl nicht. Aber sie will stärker werden. Wie alle Parteien. Sie will Wähler aus der dicken Mittelschicht. Wie alle Parteien. «Die Mitte» sein – ein typisches Alleinstellungsmerkmal ist das nicht. Eher ein netter Versuch. Die CVP besetzt die Mitte wie ein altes Haus, wo schon andere Parteien wohnen.

Die Hausbesetzerszene der 1970er-Jahre kannte das Graffito: «In Gefahr und grösster Not bringt der Mittelweg den Tod.» Will sagen: Der Mittelweg ist nicht immer der beste. Um etwas zu verändern, muss man deutlich Partei ergreifen. Und ein Risiko wagen. Eine Partei, die immer nur die Mitte und den Mittelweg will, macht im Grunde keine Politik. Sie vertritt die Ordnung. Sie verwaltet den Status quo. Die Idee von der Mitte als Ordnungskraft ist völlig anders als die Idee, Politik sei eine Auseinandersetzung zwischen den Kräften des Fortschritts und den Kräften der Beharrung.

Laue Mitte, scharfe Ränder

Nichts gegen eine möglichst breite Mittelschicht, nichts gegen das Mittelmass im Sinne von Masshalten. Sie garantieren stabile Verhältnisse. Dazu lesenswert ist der Essayband «Mitte und Mass» des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler.

Wo sich ein Grossteil der Bürgerschaft sozial der Mittelschicht zurechnet, wird sich auch das politische Spektrum auf die Mitte ausrichten. Der Nachteil daran: Wo eine politische Ordnung wesentlich durch die Herausstellung der Mitte beschrieben wird, tritt die Idee einer geschichtlichen Entwicklung und der politischen Positionierung zurück. «Die Mitte» ist letztlich unpolitisch.

Ein weiteres Dilemma: Wer «Die Mitte» sein will, ist auf die sie umgebenden Extreme angewiesen. Ohne Rand keine Mitte. Und wo nur Wischiwaschi der Mitteparteien, dort Radikalisierung der Ränder, der Querdenker, Querulanten. Dazu Herfried Münkler: «Wo alles Mitte ist, ist es mit der Mitte schnell vorbei.»


Herfried Münkler: «Mitte und Mass». Rowohlt 2010. 302 S., ca. 30 Fr.