Mord im Edelclub in London

Krimi der Woche: Christopher Huangs Debüt «Tod eines Gentleman» erzählt von einem Verbrechen unter noblen Veteranen.

Über sieben Jahre lang arbeitete Christopher Huang an seinem Erstlingswerk.

Über sieben Jahre lang arbeitete Christopher Huang an seinem Erstlingswerk.

(Bild: Inkshares)

Der erste Satz
Der Britannia Club befand sich in der King Street, eine ansehnliche Kalksteinfassade inmitten anderer ansehnlicher Kalksteinfassaden.

Das Buch

Christopher Huang ist ein Chinese aus Singapur, der in Kanada Architektur studierte und in Montreal lebt. Sein Krimi-Debüt «Tod eines Gentleman» spielt in den 1920er-Jahren in England, und er sieht dieses selbst in der Tradition der britischen Krimis aus jener Zeit. Es ist daher ein klassischer «Whodunit», bei dem der Detektiv, hier ein Amateur, die Puzzleteile eines Verbrechens dreht und wendet, bis daraus ein Gesamtbild entsteht, das er schliesslich vor den Verdächtigen und sonstwie Beteiligten enthüllt.

Auf den ersten Blick also ein ziemlich altmodischer Kriminalroman. Doch bei der Lektüre wird schnell klar, dass Huangs Geschichte keineswegs so harmlos ist wie simple Landhauskrimis oder die Moralstücke einer Agatha Christie. Das beginnt schon bei der Hauptfigur: Eric Peterkin ist Krimilektor und kommt aus einer angesehenen Familie, seine Mutter jedoch war Chinesin, und wegen seines asiatischen Aussehens ist er stets mit mehr oder weniger verstecktem Rassismus konfrontiert.

Bei allen Beteiligten hat der Erste Weltkrieg schwerwiegende Folgen hinterlassen – nicht nur körperliche, sondern vor allem auch psychische. 

Peterkin hat im Ersten Weltkrieg auf den schlammigen Schlachtfeldern in Flandern gedient und ist nun, im Jahr 1924, zusammen mit anderen Kriegsveteranen aus der besseren Gesellschaft Mitglied des noblen Britannia Club in London. Und da wird eines Morgens ein neues Mitglied erstochen aufgefunden.

Weil ihm sein Vater beigebracht hatte, dass ein Gentleman das Richtige tut, und da er sich am Vortag noch mit dem Mann unterhalten hat, will Peterkin den Mord aufklären. Bald sieht er, dass der Fall mit dem Verschwinden einer jungen Chinesin vor ein paar Jahren zusammenhängt. Dann wird auch noch die Gattin des Toten ermordet. Peterkin weiss: Der Täter muss im Club zu finden sein.

Bei allen Beteiligten hat der Erste Weltkrieg schwerwiegende Folgen hinterlassen – nicht nur körperliche, sondern vor allem auch psychische. In diesem Krieg wurde erstmals Giftgas eingesetzt. Was man heute als posttraumatische Belastungsstörung kennt, wurde damals Granatenschock oder Kriegsneurose genannt. Wer das nicht verstecken konnte, galt schnell einmal als verrückt. Manche flüchteten in Drogen – Morphiumsucht wurde als «Soldatenkrankheit» bezeichnet, und in London gab es Opiumhöhlen.

Der Krieg und seine verheerenden Folgen, auch für die Überlebenden, sowie Rauschmittel und Rassismus sind Themen, die sonst in Krimis dieser Art kaum eine Rolle spielen. Huang sind sie offensichtlich wichtig. Seine Erzählung ist oft sehr atmosphärisch, die Figuren sind gut gezeichnet. Das lässt darüber hinwegsehen, dass manche Beschreibungen und Ausführungen etwas langatmig ausgefallen sind.

Die Wertung

Der Autor

Christopher Huang ist Chinese, wurde ungefähr 1976 (genaues Jahr unbekannt) in Singapur geboren und wuchs in der Stadt auf. Seine Eltern – der Vater Ingenieur, die Mutter Krankenschwester – liessen sich scheiden, als er ein Kind war. Mit der Mutter zog er als 17-Jähriger nach Calgary in Kanada, wo er ein Jahr das College besuchte. Danach kehrte er für den zweijährigen Militärdienst nach Singapur zurück: «Viele Leute dachten, ich sei verrückt, das zu tun, aber ich denke, ich bin dadurch ein besserer Mensch geworden. Nicht, dass ich es noch einmal tun möchte.» Er ging wieder nach Kanada, wo er an der McGill University in Montreal Architektur studierte.

An seinem ersten Kriminalroman «A Gentleman’s Murder» arbeitete er mehr als sieben Jahre und veröffentlichte ihn über die amerikanischen Verlags- und Literaturrechte-Plattform Inkshares. Die offene Plattform wurde 2013 gegründet und ist heute eine Autoren- und Lesergemeinschaft mit mehr als 100'000 Personen. Die Autorinnen und Autoren können auf der Plattform Teile von Manuskripten veröffentlichten, die je nach Interesse der Lesenden sortiert werden. Inkshares veröffentlicht ausgewählte Manuskripte in Nordamerika und betreut den Verkauf der Rechte für Übersetzungen und Verfilmungen. Christopher Huang lebt in Montreal, Kanada.


Christopher Huang: «Tod eines Gentleman» (Original: «A Gentleman’s Murder», Inkshares, Oakland, CA, 2018). Aus dem Englischen von Verena Kilchling. Wilhelm-Heyne-Verlag, München 2019. 428 S., ca. 23 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

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