Wie das kleine Schwarze in Zürich neu erfunden wird

Das kniekurze, schwarze Kleid ist ein Klassiker. Weil es unzählige Variationen zulässt. Und jede Frau darin auf die Schnelle glamourös aussieht.

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Ulrike Hark@tagesanzeiger

In «Frühstück bei Tiffany» (1961) demonstriert Audrey Hepburn, warum jede Frau mindestens ein kleines Schwarzes im Kleiderschrank haben sollte: Weil sie darin immer toll aussieht, auch dann, wenn sie fünf Minuten vor der Verabredung noch im Bett lag. Das kniekurze, meist ärmellose, schwarze Kleid ist festlich, ohne feierlich zu sein – und passt ausgezeichnet zum gepflegten Ausgang in der Vorweihnachtszeit. Trends kann man für einmal getrost vergessen, denn als Klassiker kommt es nie aus der Mode. Es ist wohl die schönste Erfindung, die uns Coco Chanel hinterlassen hat.

Klassisch ist bekanntlich, was bis zum Überdruss bekannt ist, ohne dass man seiner überdrüssig wird. Also muss ein Klassiker mehr drauf haben als nur Neuigkeits- und Seltenheitswert, sonst nutzt er sich ab, bevor er einer wird. Ein Kleidungsstück muss die Kraft haben, immer wiederaufzuerstehen, und das kleine Schwarze kann das. Weil es, und das ist genial, nur die Grundzüge vorgibt und Varianten zulässt.

Dem Zeitgeist angepasst

Hepburns Filmkleid hatte Givenchy geschneidert. Doch es gibt viele Designer, die in den vergangenen Jahrzehnten eigene Spielarten kreierten und immer auch ein Stückchen vom jeweiligen Zeitgeist hineinschneiderten. Oleg Cassini entwarf es für Jackie Kennedy noch leicht ausgestellt und körperfern. Ende der Achtziger wurde es dann hauteng und minikurz. In den Neunzigern kam es unter dem Einfluss japanischer Designer wie Yamamoto puristisch und nonnenhaft daher. Und 1999 – wir erinnern uns an den schwarzen Endlos-Schlauch – kam Philippe Starcks Stretchkleid bei Wolford heraus: eine hypermoderne Version mit abnehmbaren Trägern, die sich je nach Bedarf in ein Mini- oder Maxikleid verwandeln liess. Der Archetyp der modischen Eleganz erfindet sich immer wieder neu.

In Zürich kennt sich Heiner Wiedemann bestens mit dem kleinen Schwarzen aus. 2008 hat der Modemacher sogar eine eigene Kollektion zum Thema entworfen, Modelle in seinem ureigenen Stil, mit einer Grandezza, die alles Pathetische gekonnt umschifft. Wiedemann, der sein Label im Andenken an seine italienische Urgrossmutter Heinrich Brambilla genannt hat, mag Glanz und Eleganz vergangener Epochen, vor allem die der Vierziger- und Fünfzigerjahre. Mit einer komplexen Schnitttechnik und Volumen, wo man sie nicht erwarten würde, führt er das Auge spazieren.

Grandezza bei Wiedemann

Einiges ist zunächst gewöhnungsbedürftig, oder sagen wir besser, eine Herausforderung. Da bauschen sich auf den Hüften Volants, da gibts hochgesetzte, enge Taillen, «Falsche Hüften», die nicht seitlich, sondern nach vorn stehen oder voluminöse Rückenteile – eine skulpturale Mode aus kräftigen, oftmals glänzenden Stoffen, wie sie Balenciaga in den Fünfzigern kreierte, nur ist Wiedemann überraschender und organischer in der Gesamtwirkung.

Seine Kleider – auch die kleinen Schwarzen, die er entwirft – sind Statements, und die Frauen, die sie tragen, brauchen eine gesunde Portion Selbstbewusstsein und Allüre, um die expressiven Hüllen mental zu füllen. Wiedemann sucht nach einer zeitlosen Eleganz, «ich will den Körper der Frau betonen», sagt er. Dafür formt er seine Silhouetten direkt an der Kleiderbüste. Er denkt immer dreidimensional, vieles näht er komplett selber.

«Wiedemänner»

Bis 2007 hat Heiner Wiedemann seine Kollektion als Prêt-à-porter in ausgesuchten Läden verkauft. «Aber dann merkte ich, dass ich nur noch zu 30 Prozent zum Entwerfen kam», meint er rückblickend. Heute kreiert er Mode in kleineren Stückzahlen für eine persönliche Kundschaft, welche die Werkstattatmosphäre in seinem Atelier am Kreuzplatz schätzt. Ganz günstig sind die «Wiedemänner» natürlich nicht, die Preise liegen zwischen 1300 und 1700 Franken, reine Massarbeit fängt bei 2000 Franken an.

Wer nicht ganz so viel ausgeben und bei der Party oder beim Apéro dennoch eine gute Figur machen will, sollte an der Josefstrasse bei Little Black Dress vorbeischauen. Eliane Diethelm und Joanna Skoczylas haben das kleine Schwarze zu ihrer Geschäftsidee erhoben. Wobei das geniale Kleid bei ihnen nicht einfach nur schwarz ist: Da hängen elegante Etuikleider, schlichte Hängerchen oder geraffte, schmale «kleine Schwarze» in Dunkelrot, Mausgrau, Blau oder Grün. Keine kleinen Schwarzen im ureigentlichen Sinn, aber überzeugende Verwandte. Allen gemeinsam ist: Sie haben Klasse. Etwa 10 Modelle entwerfen die beiden Frauen pro Saison, produziert wird im Tessin, die Preise beginnen bei etwa 400 Franken.

Dunkelblau in den Winter

Joanna Skoczylas ist selber beste Werbung für ihr Konzept: Sie mag keine Hosen und trägt ausschliesslich Kleider. «Kleider sind absolut praktisch, denn man ist mit einem Teil bereits tipptopp angezogen. Tagsüber trägt man dazu Ballerinas und am Abend kombiniert man dasselbe Kleid mit High Heels. Genau diese Anpassungsfähigkeit hat Coco Chanel beim kleinen Schwarzen so fasziniert.» Was die Farben angeht, ist in diesem Winter ein intensives Dunkelblau angesagt, «eine Farbe, die heller Haut besonders schmeichelt», sagt Eliane Diethelm. Sie greift nach einem schlichten Satinkleid mit V-Ausschnitt und hochgesetzter Taille in Dunkelblau, das Audrey Hepburn sicher gut gestanden hätte.

Übrigens: 2006 wurde Audrey Hepburns Filmkleid, das vermutlich teuerste Textil der Filmgeschichte, an einer Auktion für fast 700 000 Euro von einem unbekannten Bieter ersteigert. Was zeigt: Das kleine Schwarze ist einfach wertvoll.

Tages-Anzeiger

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