Es ist schlimmer, sich zu ergeben, als erschossen zu werden

Analyse

Die Anhänger von Bashar al-Assad glauben ebenso unerschütterlich an einen Sieg wie die Aufständischen. Der Nahost-Experte Arnold Hottinger erklärt im zweiten Teil der grossen Serie, wer zu Assad hält und warum die Kämpfe immer brutaler werden.

Es gibt nichts anderes als durchzuhalten: Widerstandskämpfer in Idlib.

Es gibt nichts anderes als durchzuhalten: Widerstandskämpfer in Idlib.

(Bild: AFP)

Die Schwierigkeit, auf die alle Vermittlungsversuche in Syrien stossen, ist dadurch gegeben, dass beide Seiten, Regime und Opposition, in dem zunehmend militarisierten Ringen der Ansicht sind, sie würden gewinnen, wenn der Kampf nur lange genug andaure und energisch genug geführt werde.

Die Regierungsseite zählt auf die wahrscheinlich noch immer weitgehend intakte Armee, auf ihre Geheimdienste und anderen Sicherheitskräfte. Die Geheimdienste wissen, wenn die Regierung untergeht, werden sie für ihre Untaten zur Rechenschaft gezogen. Daher verteidigen sie das Regime unter allen Umständen. Dies gilt zunehmend auch für die alawitischen Führungsoffiziere der Armee und für die führenden Persönlichkeiten des Regimes.

Christen, Reiche und Beamte halten zum Regime

Das Regime kann sich aber auch darauf berufen, dass Teile der Bevölkerung immer noch zu ihm halten. Dies sind die christliche Minderheit und die wohlhabenden Geschäftsleute, die mit den führenden Politikern im Geschäft stehen. Sie können allen Religionsgemeinschaften angehören. Weiter die Staatsbeamten, die unter direkter Kontrolle der Regierung stehen, besonders in den beiden grossen Städten, Damaskus und Aleppo, wo die Bürokratie konzentriert ist.

Die Zentren der beiden wichtigsten Städte stehen voll unter Regierungskontrolle, so sehr, dass diese dort jederzeit grosse Demonstrationen von Anhängern anordnen kann und diese auch stattfinden. Da diese Stadtzentren in vielerlei Hinsicht das Gesicht Syriens bilden, die repräsentative Seite, die auch den Besuchern als erste entgegentritt, ist es für die Regierung leicht, zu behaupten, das Land sei «normal» und werde nur in einigen Randgegenden durch die bewussten «bewaffneten Banden» gestört.

Festgenommene müssen mit Folter rechnen

Wie immer besteht eine Neigung der Behörden, selbst an ihre eigene Propaganda zu glauben. Ihr tägliches Leben bleibt in der Tat weitgehend ungestört. In den verarmten Vorstädten, auch in jenen der beiden Hauptstädte, herrscht eine andere Stimmung. Dort kommt es zu Demonstrationen gegen das Regime. Doch die Polizeipräsenz ist dicht, und sie sorgt dafür, dass keine Protestzüge ins Innere der Städte vordringen. Einige der Vorstädte waren vorübergehend von der Opposition beherrscht und mussten von Tanks der Armee «zurückerobert» werden.

Die Opposition ihrerseits weiss, dass sie schwächer ist als die Regierung. Sie erfährt immer wieder, dass Dörfer, Stadtteile, Provinzstädte, die sie vorübergehend beherrscht, von Tanks der Armee umzingelt, beschossen und zurückerobert werden. Dem folgen Erschiessungen und Festnahmen. Die mehr oder weniger willkürlich Festgenommenen müssen mit Folter rechnen. Einige kommen um, andere verschwinden in den Gefängnissen. Das berüchtigte Gefängnis von Palmyra (Tadmor), das 1991 geschlossen worden war, wurde wieder eröffnet.

Widerstandswille der Bevölkerung brechen

Gelegentlich entlässt die Regierung aus propagandistischen Gründen, oder einfach um wieder Raum in den Gefängnissen zu schaffen, einen kleinen Teil ihrer Gefangenen. Doch die Aktivisten der Opposition und ein wahrscheinlich wachsender Teil der Bevölkerung, primär Sunniten, zählen darauf, dass die Zeit für sie und gegen das Regime arbeitet.

Was gewiss richtig ist, doch die Frage bleibt, wie viel Zeit wird nötig sein, um das Regime entscheidend zu schwächen. Dieses versucht, eine Entscheidung herbeizuführen, bevor dieser Zeitpunkt naht. Zu diesem Zweck muss es den Widerstandswillen der Bevölkerung möglichst rasch brechen. Die grosse und wachsende Grausamkeit, mit der gekämpft wird, soll diesem Zweck dienen. Es ist aber auch denkbar, und hat sich bisher als Faktum erwiesen, dass sie genau das Gegenteil bewirkt: eine weitere Steigerung des Zorns der Bevölkerung auf die Regierung und auf das als «alawitisch» gesehene, weil weitgehend von Alawiten gesteuerte Assad-Regime.

Lieber sterben als sich ergeben

Die Grausamkeit führt auch dazu, dass die aktiven Widerstandskämpfer wissen, es ist für sie schlimmer, sich zu ergeben, als erschossen zu werden. Dies führt zu Verzweiflungskämpfen.

Unter diesen Umständen sagen sich die Aktivisten und die bewaffneten Überläufer, dass es für sie nichts anderes gibt als durchzuhalten; dass das Opfern von Menschenleben, auch des eigenen, unvermeidlich sei und dass am Ende, wenn sie nur lange genug durchhielten, das Regime zerbrechen werde. Sie wissen natürlich, es gibt Deserteure aus der Armee. Sie hoffen und zählen darauf, dass ihre Zahl rasch zunimmt.

Viele scheinen auch anzunehmen, dass Hilfe aus dem Ausland eintreffen werde. Obwohl immer deutlicher wird, dass dies schwerlich in einem Umfang geschehen wird, der die Lage entscheidend verändern könnte.

Durchhaltewillen des Volkes entscheidend

Man kann vermuten, dass in der Tat die Rechnung der Regimegegner aufgehen könnte, jedoch erst nach einer sehr langen, verlustreichen Schreckenszeit, während der der Krieg mit immer unmenschlicheren Mitteln geführt werden wird.

Die letztlich entscheidende Frage für die Erfolgsaussichten des Widerstandes wird sein: Bis zu welchem Punkt wird die Bevölkerung sich durch die Hoffnungen und Parolen der Aktivisten befeuern lassen? Oder umgekehrt: Wann werden weite Kreise des syrischen Volkes so sehr verelenden und verzweifeln, dass sie sich nicht mehr gegen das Regime auflehnen werden? Die Aktivisten glauben zurzeit offensichtlich, dass dieser Zeitpunkt nie eintreten werde.

baz.ch/Newsnet

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