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Aufruhr um US-Wahlresultate23’277 neue Stimmen, alle für Biden – wie kann das sein?

Für Philadelphia meldeten die Datenanalysten von FiveThirtyEight neue Resultate, wobei Joe Biden 100 Prozent der Stimmen holte. Republikaner wittern Betrug.

Von Arizona bis Pennsylvania werden noch in diversen Bundesstaaten Stimmen ausgezählt.
Von Arizona bis Pennsylvania werden noch in diversen Bundesstaaten Stimmen ausgezählt.
Foto: Erik Lesser (Keystone/EPA)

Die Datenanalysten von FiveThirtyEight sind in den USA für exakte Zahlen bekannt. Am Mittwochabend meldeten die Spezialisten aber eine Zahl aus dem US-Wahlkampf, die statistisch nicht erklärbar ist: In Philadelphia, im hart umkämpften Bundesstaat Pennsylvania, wurde demnach eine «Ladung» von 23’277 Wahlzetteln gemeldet – alle für Joe Biden.

Kann das sein? Wurden 23’277 Wahlzettel ausgezählt und dabei nicht eine einzige Stimme für Donald Trump gefunden? Selbst in der mit grosser Mehrheit demokratisch wählenden Stadt sei das statistisch schlicht unwahrscheinlich, antworteten Hunderte auf die Meldung von FiveThirtyEight, wobei sich auch Biden-Anhänger besorgt über dieses Resultat zeigten.

Trump-Anhänger sehen ihre Sorgen bestätigt, dass Biden nur aufgrund von «Wahlbetrug» gewinnen kann, eine Sichtweise, die vom Präsidenten seit Wochen verbreitet und in der Wahlnacht wiederholt wurde. Trump forderte einen sofortigen Stopp der Auszählung, weil er nicht wolle, dass plötzlich ganze «Ladungen» von Stimmen für Joe Biden auftauchten.

Genau das ist nun passiert oder zumindest wird die Twitter-Meldung von FiveThirtyEight genau so interpretiert, Republikaner wittern Betrug und Verschwörung. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass eine derartige Meldung die Runde macht. Am Mittwoch twitterte ein Trump-Anhänger über einen ähnlichen Vorfall in Michigan, wo die Resultatseite von einer Sekunde auf die andere Zehntausende neue Stimmen für Biden aufwies, aber kein einziges Votum für Donald Trump hinzukam. Auch die anderen Kandidaten gingen leer aus. Die Meldung verbreitete sich unter Republikanern und führte zu einem mit Grossbuchstaben geschriebenen Trump-Tweet.

Hier stellte sich allerdings schnell heraus, dass es sich um einen Fehler bei der Dateneingabe handelte. Die Resultatseite wurde umgehend korrigiert, weil aber Zehntausende jede kleinste Veränderung der Zahlen live mitverfolgen, war ein Screenshot der fehlerhaften Daten bereits erstellt. Sobald klar war, dass die Dateneingabe falsch und der Fehler behoben war, vermerkte Twitter die Meldung mit einem Warnhinweis. Der Republikaner, welcher den Screenshot in Umlauf gebracht hatte, löschte seinen Tweet später und erklärte, dass es sich um einen Fehler eines Wahlbezirks gehandelt habe.

Handelt es sich auch bei den 23’277 Biden-Stimmen aus Philadelphia um einen Fehler? Da es sich dort nicht um eine Momentaufnahme einer Wahlseite handelt, sondern um eine Meldung der Datenanalysten von FiveThirtyEight, ist diese Erklärung eher unwahrscheinlich. FiveThirtyEight hat den Tweet und die gleichlautende Meldung auf der Website bisher nicht weiter kommentiert, auch von der Wahlkommission in Pennsylvania gab es keine Erklärung dazu.

Erklärung von Wahlhelfern

Im Nordwesten Philadelphias gibt es zwar Wahlgebiete, die mit über 95 Prozent Biden gewählt haben – trotzdem ist es statistisch unwahrscheinlich, dass keine einzige Trump-Stimme auf über 23’000 Wahlzetteln auftaucht. Eine mögliche Erklärung kommt in den Kommentaren zum FiveThirtyEight-Tweet, wo sich Personen meldeten, die selber bei den Wahlen mithalfen. Dort wird erwähnt, dass die Stimmen für die Kandidaten separat ausgezählt und gemeldet werden.

Die Wahlzettel werden demnach zuerst auf Trump- und Biden-Beigen aufgeteilt und erst dann mehrfach gezählt. Sobald sich die Wahllokale über die Anzahl Stimmen einer solchen «Ladung» sicher sind, werden die Stimmen übermittelt. Beispielsweise zuerst nur jene für Trump, später dann all jene für Biden. In der Endabrechnung haben so alle Kandidaten ihre Stimmen, auch wenn diese separat eingingen.

In den Zwischenresultaten der Stadtbezirke von Philadelphia gibt es denn auch keine Hinweise auf 100 Prozent Stimmen für Biden, überall hat auch Trump Stimmen erhalten, einige Bezirke gewinnt er sogar. Normalerweise würde niemand überhaupt merken, dass Stimmen separat übermittelt werden, weil aber seit dem Wahltag am Dienstag die halbe Welt auf Aktualisierungen der Auszählung wartet, ist der Druck erhöht, jedes kleine Zwischenresultat zu veröffentlichen.

Trump klagt in Pennsylvania

Unerklärlich bleibt aber, weshalb die Datenprofis von FiveThirtyEight ihren Tweet ohne weitere Erklärung veröffentlichten, denn der Schaden daraus kann immens sein. Der Michigan-Tweet nach der fehlerhaften Dateneingabe verbreitete sich gemäss «New York Times» unter über 100’000 Nutzern, die Wahlbetrug im umkämpften Bundesstaat witterten. Die Korrektur erreichte dann nur noch einen Bruchteil der Nutzer, welche die Falschnachricht erhalten hatten.

Trump und sein Team haben mittlerweile Anwälte eingeschaltet und Klage gegen das Wahlresultat in Michigan erhoben. Die Wahlbeobachter der OSZE haben bei der Wahl laut ihrem Leiter allerdings keine Unregelmässigkeiten registriert, weder am Wahltag selbst noch zuvor bei der Briefwahl.

In Pennsylvania klagt Trump bereits aus anderen Gründen, so will er die Auszählung der gültigen Briefwahlstimmen stoppen. Ironisch ist dabei, dass die Republikaner in Pennsylvania verhinderten, dass Briefwahlstimmen vorzeitig gezählt werden konnten. Die Demokraten wollten dafür sorgen, dass die Resultate schneller feststehen und schon drei Tage vor dem Wahltag mit dem Zählen beginnen, so wie das fast alle anderen Staaten machen. Die Republikaner verhinderten dies und beschweren sich nun über die spät ausgezählten Wahlzettel. Mit dem Vorwurf des «Betrugs» wollen sie nun die erwartete Aufholjagd durch die vielen demokratischen Briefstimmen verhindern.

183 Kommentare
    Hrh

    Die Wahlen sind ein Beweis, wie gut die Demokratie in den Vereinigten Staaten verankert ist. Ich denke nicht, dass man in Russland weiter zählen würde, wenn Putin einen Stopp der Zählung fordern würde. Man kann sich fragen, ob man wirklich so gründlich zählen und Zweifelsfälle so akribisch behandeln soll. Das ist aber ein Zeichen von Transparenz und nicht von Betrug.