Der kurze Brief zum langen Abschied

Der Autor Charles Krauthammer liegt im Sterben, wie er seinen Lesern mitgeteilt hat. Amerika verliert einen brillanten Kopf.

<b>«Mein Kampf ist vorbei.»</b> Charles Krauthammer, dessen Kolunme in 400 Zeitungen erscheint, hat Krebs im Endstadium.

«Mein Kampf ist vorbei.» Charles Krauthammer, dessen Kolunme in 400 Zeitungen erscheint, hat Krebs im Endstadium.

(Bild: Facebook)

Mehr als dreissig Jahre lang, von 1985 bis 2017, schrieb Charles Krauthammer jede Woche eine Kolumne in der Washington Post. Es waren Kommentare von vielleicht 4500 Zeichen, keine halbe Zeitungsseite in unserem Format, glänzend formuliert und klug gedacht, oft anregend und nie langweilig. Es ging um Baseball und Geschichte, um Schach und Physik und immer wieder um Politik, weil «am Ende alles – das Hohe und das Tiefe und vor allem das Hohe – mit der Politik lebt und stirbt. Man kann die fortschrittlichste und blühendste Kultur haben, und dann zerstört die falsche Politik alles. Das ist nicht antike Geschichte. Das ist Deutschland 1933.»

So schrieb es Krauthammer, als er 2013 ein Buch mit einer Auswahl seiner Kolumnen herausgab. Es verkaufte sich über eine Million Mal und lag wochenlang auf Platz eins der Bestseller-Liste, obschon er ihm keinen schlichteren Titel hätte geben können: «Dinge, die zählen», heisst es. Und darum geht es.

Ohne Bedauern

Charles Krauthammer gehört zu den erfolgreichsten Autoren unserer Zeit. Seine Kolumne wurde in 400 Zeitungen nachgedruckt und begleitete Millionen von Amerikanern über Jahrzehnte, ehe sie im vergangenen August auf einmal ausblieb. Vor einer Woche nun wandte sich Krauthammer mit einer «Notiz» an die Leser: «Ich war die vergangenen zehn Monate ungewöhnlich ruhig», schrieb er. «Ich dachte, diese Ruhe würde bald enden, aber ich muss leider mitteilen, dass das Schicksal anders entschieden hat.»

Er berichtete von einem Krebs, der sich so aggressiv in seinem Körper ausbreite, dass er nur noch wenige Wochen zu leben habe. «Das ist das endgültige Urteil. Mein Kampf ist vorbei.» Und er setzte hinzu: «Ich verlasse dieses Leben ohne Bedauern – erfüllt und vollendet mit all den grossen Lieben und Bemühungen, die ein Leben lebenswert machen. Ich bin traurig, dass ich gehe, aber ich gehe mit dem Wissen, dass ich das Leben lebte, das ich wollte.» Was könnte mehr zählen?

Leben und Sterben von Charles Krauthammer machen demütig. Wer je gesehen hat, wie er auf Fox News, wo er regelmässig auftrat, die amerikanische Politik analysierte – stoisch und hellwach, mit fast unbewegter Miene und trockenem Witz –, konnte nicht ahnen, dass jedes Wort einem paralysierten Körper abgerungen war. Mit Anfang zwanzig verunfallte Krauthammer, damals Medizinstudent in Harvard, bei einem Badeunfall so schwer, dass er 14 Monate lang hospitalisiert werden musste. Das Studium schloss er fristgerecht ab, aber einen Schritt ist er seither nicht mehr gegangen.

Ein Foto aus hellen Tagen

Als Amerika in den Neunzigern diskutierte, ob es angemessen sei, eine Statue von Präsident Franklin D. Roosevelt im Rollstuhl zu errichten, argumentierte Krauthammer dagegen. Dass von Roosevelt über 35 000 Fotos existieren, aber nur zwei, die ihn im Rollstuhl zeigen, erklärte er mit dessen «Ethos der tapferen Selbstverleugnung», das es zu feiern gelte in einer Zeit, die von Bekenntnissen, Gefühlen und Ich-Ergründung geprägt sei. Dass er selbst im Rollstuhl sitzt, liess er unerwähnt. Es hätte das Argument entwertet.

Geboren wurde Charles Krauthammer 1950 in New York, aufgewachsen ist er in Montreal. Der Vater stammte aus der heutigen Ukraine, die Mutter aus Belgien – beide waren Juden und hatten im Europa ihrer Zeit keine Zukunft. Die Familie sprach französisch und reiste jeden Sommer nach Long Island, wo Charles in endlosen Wochen und Monaten mit seinem älteren Bruder Marcel, den er Marce nannte, jedes Spiel spielte, das je erfunden worden war – und viele weitere, die sie selbst erfunden hatten, wie er Jahrzehnte später in einer Kolumne schrieb.

Es gibt ein Foto aus diesen hellen Tagen, auf dem die beiden zu sehen sind, braun gebrannt, Arm in Arm, vielleicht sieben und elf Jahre alt. «Wann immer ich auf dieses Foto schaue, weiss ich, was wir dachten, als es gemacht wurde: So wird es für immer sein. Für immer Brüder. Für immer jung. Für immer Sommer. – Mein Bruder Marcel starb am Dienstag, 17. Januar. Es war Winter. Er war 59.»

Es ist die Kolumne, die Krauthammer an den Beginn seines Buchs gestellt hat. Politik ist wichtig, aber sie ist nicht alles im Leben.

Er war einmal jung

Charles Krauthammer kennt ein Leben ausserhalb der Politik. Er praktizierte zunächst als Psychiater am Massachusetts General Hospital in Boston, bevor er nach Washington D.C. zog, um am nationalen Institut für mentale Gesundheit zu arbeiten. Im Frühling 1980, mit 30, wurde er Redenschreiber von Walter Mondale, dem damaligen amerikanischen Vizepräsidenten, dessen politische Ansichten er längst nicht mehr teilt: «Ich war einmal jung», sagt Krauthammer, wenn er in Interviews und Reden darauf zu sprechen kommt, dass er, der heute die Republikaner unterstützt, einst für die Demokraten tätig war. Es ist ein Memento mori, getarnt als Pointe: Jeder Sommer geht einmal zu Ende. Nur wer früh stirbt, ist für immer jung.

Als Krauthammer in den Achtzigern begann, Essays und Kolumnen zu veröffentlichen, dauerte es nicht lange, bis er damit nationale Aufmerksamkeit erregte. Er prägte den Begriff der «Reagan-Doktrin», womit er die aussenpolitische Praxis von Präsident Ronald Reagan bezeichnete, antikommunistische Guerilla in kommunistischen Ländern zu unterstützen. Reagan beeindruckte ihn, der schon als Student in den Sechzigern antikommunistisch gesinnt gewesen war: «Ich hatte nie eine marxistische Phase», schrieb Krauthammer. «Und wenn ich eine hatte, dauerte sie nicht länger als ein Wochenende, zweifelsfrei ein gutes, wie ich annehmen muss, denn ich erinnere mich an keine Minute davon.»

Das «Bush Derangement Syndrome»

Ein Foto, aufgenommen 1986 im Oval Office, dokumentiert seine herzliche Zuneigung zu Reagan. Ein Jahr später erhielt Krauthammer für seine Arbeit als politischer Kommentator den Pulitzer-Preis, die höchste Auszeichnung im amerikanischen Journalismus. Er hatte, ohne einen Schritt zu gehen, einen weiten Weg zurückgelegt.

Über seinen Werdegang schrieb Krauthammer, auf ein berühmtes Zitat von Reagan anspielend: «In der Aussenpolitik verliess nicht ich die Demokratische Partei, um es mit einem Klischee zu sagen. Sie verliess mich. Anders ist es in der Innenpolitik. Da blieb sich die Demokratische Partei treu. Ich änderte mich. Der Grund für diese Entwicklung ist einfach: Ich bin offen für empirische Evidenz.»

Als prägende Lektüreerlebnisse nannte er «Losing Ground» von Charles Murray und «The Rise and Decline of Nations» von Mancur Olson, sozialwissenschaftliche Literatur, wobei sein Schreiben immer auch von der Medizin beeinflusst blieb. Einmal beobachtete Krauthammer einen «akuten Paranoiaanfall bei sonst normalen Leuten als Reaktion auf die Politik, die Präsidentschaft, ja die schiere Existenz von George W. Bush» und bezeichnete dieses Verhalten als «Bush Derangement Syndrome». Die Wortschöpfung war zeitweise ziemlich populär, nur wie lange ist das her? Heute klingt Bush für uns fast so fremd wie Mondale.

Was wirklich zählt

Der Aufstieg von Donald Trump zum Präsidenten ist die jüngste, letzte Volte amerikanischer Politik, die Krauthammer als Kommentator begleitete. Er kritisierte Trump immer wieder, was dieser auf Twitter gewohnt brachial vergalt: «Krauthammer ist ein Dummkopf, der zu oft bei Fox News auftritt. Ein überschätzter Clown.» Aber Krauthammer machte es sich nie so einfach, Trump nur nach dessen Tweets zu beurteilen oder einfach zu pathologisieren. Noch in seiner letzten Kolumne schrieb er, Trump sei ein «systemischer Stresstest», dessen Resultate bislang positiv ausgefallen seien, was er an fünf Beispielen illustrierte.

Diese intellektuelle Redlichkeit anerkannten auch politische Gegner. «Er ist ein brillanter Mann», sagte einmal der frühere Präsident Bill Clinton, der als Demokrat selten einer Meinung mit Krauthammer war. «Ich bin erledigt», kommentierte Krauthammer das unerwartete Lob. Er war es nicht – und er ist es nicht, wie er den vorzeitigen Nachrufen entnehmen kann, die gegenwärtig erscheinen. Aber ist das wichtig?

Charles Krauthammer geht in Frieden, wie er zum Abschied schreibt. Das ist, was zählt.

Charles Krauthammer: «Things That Matter. Three Decades of Passion, Pastimes and Politics», Random House, New York 2013, 320 Seiten, 39.90 Franken.

Basler Zeitung

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