Ein grosser Verlust für die Armee

Korpskommandant Daniel Baumgartner hat die Armee massgeblich geprägt. Er sollte nicht in schlechter Erinnerung bleiben.

Hat die Rekrutenschule geprägt: Der abtretende Korpskommandant und Chef Ausbildung Daniel Baumgartner.

Hat die Rekrutenschule geprägt: Der abtretende Korpskommandant und Chef Ausbildung Daniel Baumgartner.

(Bild: VBS/DDPS)

Serkan Abrecht

Er galt als Reformator der Rekrutenschule. Ein Mann, gekommen oder berufen, um der Armee ein neues Antlitz zu verpassen. Ein seriöses, vernünftiges, kompetentes. Korpskommandant Daniel Baumgartner hat in nur einem Jahr im Amt als Chef Ausbildung die Kultur im Korps bemerkbar verändert. Lange galt der 57-jährige Thurgauer als wichtigster Mann der Streitkräfte. Wichtiger als Armee-Chef Philippe Rebord. Denn Baumgartners Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass die Armee genügend Leute rekrutiert und dass diese auch in der Armee bleiben und nicht die komfortablere, einfachere Route in den Zivildienst wählen.

Baumgartners Ideen waren unkonventionell. Er führte Handy-Stunden, Turnschuh- und ganze Freitage in der Rekrutenschule ein. Zudem sandte er motivierte und kompetente Unteroffiziere und Offiziere an Schweizer Schulen, um an diesen das Bild einer neuen, modernen Armee zu vermitteln. Er führte das neue Ausbildungs- und ­Dienstleistungsmodell bei der Armee ­ein und wollte sie attraktiver machen. Für Mann und Frau.

Baumgartner sollte nicht als Mann in Erinnerung bleiben, der zu viel Appenzeller ­Alpenbitter für Offiziere bewilligte.

Bei den Konservativen, die die Armee noch aus den Zeiten des Eisernen Vorhangs kannten, kam das nicht gut an. Sie sprachen von einer «Verweichlichung» der Truppen. Die Linken hingegen mochten die von Baumgartner eingeführten Schulbesuche nicht. Zu sehr fürchteten sie sich vor einer «Militarisierung» der Jugendlichen.

Die politische Mitte, die Pragmatischen – sie mochten Baumgartner. Ebenso die Offiziere: «Er ist gradlinig, offen, geradeheraus, bodenständig», sagte Stefan Holenstein, Präsident der Offiziersgesellschaft, einst der «Weltwoche».

Vergehen des Soldaten-Papa

Nun tritt Baumgartner zurück. Was bleibt? Ein «Spesen­skandal», der keiner war. Die Medien erinnern nur noch an einen Eklat, als er noch Chef der Logistikbasis war und viele Gelder für Apéros und sonstige Goodies bewilligte. Die genauen Gründe für Baumgartners Demission sind offiziell nicht bekannt. Aber für die Presse scheint klar, dass es ebendieser «Spesenskandal» war, der den sechsfachen Vater zum Rücktritt bewegte. Baumgartner stehe wegen einer Spesenaffäre unter Druck, schrieb die «NZZ». Und die «NZZ am Sonntag» schlug gestern in die gleiche Kerbe: Es sei ein offenes Geheimnis, dass ihn die Spesenaffäre zum ­Rücktritt bewogen habe, um hinterher zuzugeben, dass ihm in einer Disziplinaruntersuchung kein Fehlverhalten nachgewiesen wurde.

Baumgartner selbst begrüsste die Untersuchung. Somit konnte ­festgestellt werden, dass es zwar unnötige Exzesse im höheren Kader der Armee gegeben hatte, aber er sich rechtlich nichts hatte zuschulden kommen lassen. Nur: Die ­Öffentlichkeit vergisst nie. Eine ­Anklage, wird heute oft auch schnell als Urteil angesehen.

Und nun geht Baumgartner, den einige auch ­«Soldaten-Papa» nannten und der mit einer spürbaren Begeisterung von den heutigen Rekruten schwärmte, die er keineswegs als «verweichlicht» ­wahrnahm, sondern als eine ­Generation mit enormem Potenzial.

Es geht ein Mann, der die Ausbildung in der Armee mit seinem Pragmatismus, seiner Gradlinigkeit und seiner ­grossen Hoffnung in die Jugendlichen merklich veränderte und verbesserte. Er sollte nicht als Mann in Erinnerung bleiben, der zu viel Appenzeller ­Alpenbitter für Offiziere bewilligte. Das wäre seines Vermächtnisses für unsere Armee unwürdig.

Basler Zeitung

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