Italiens Behörden belasten Schweizer Terroristen schwer

Laut italienischen Ermittlern hat Marco Camenisch vom Gefängnis aus verschiedene Anschläge orchestriert. Der Schweizer soll die Schlüsselfigur eines Anarchisten-Netzwerks sein.

Aus der Haftanstalt Lenzburg (links im Bild) soll der Ökoterrorist Aktionen orchestriert haben: Marco Camenisch (rechts im Bild).

Aus der Haftanstalt Lenzburg (links im Bild) soll der Ökoterrorist Aktionen orchestriert haben: Marco Camenisch (rechts im Bild).

(Bild: Keystone)

René Lenzin

Bei den Ermittlungen zum Briefbombenanschlag auf die Swissnuclear in Olten tut sich eine unerwartete Spur auf. Gemäss dem 230 Seiten dicken Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Perugia, der dem «Tages-Anzeiger» vorliegt, soll der als Ökoterrorist bekannt gewordene Marco Camenisch bei der für den Anschlag verantwortlichen Federazione Anarchica Informale (FAI) im Hintergrund die Fäden gezogen haben.

Die italienischen Ermittler teilten in den letzten Tagen gewohnt offensiv mit, der in der Strafanstalt Lenzburg einsitzende Camenisch und der in Deutschland inhaftierte spanische Anarchist Gabriel Pombo da Silva seien die «Denker und Antreiber» hinter der FAI. Diese ist ein europaweiter loser Zusammenschluss anarchistischer Extremisten. Ihr werden verschiedene Anschläge in jüngerer Vergangenheit zugeschrieben. Wie die Staatsanwaltschaft im Haftbefehl ausführt, soll das Duo Camenisch und Pombo da Silva innerhalb der FAI in ideologischer und programmatischer Hinsicht führend sein.

Warten auf den Haftbefehl

Der Anschlag auf die Atomlobby-Organisation Swissnuclear in Olten ereignete sich im März 2011. Zwei Personen wurden verletzt. Zur Tat bekannte sich die FAI. Vier Monate zuvor hatte das Anarchistennetzwerk einen Sprengstoffanschlag auf die Schweizer Botschaft in Rom verübt. Im Dezember 2011 verschickte die FAI eine Briefbombe an den damaligen Konzernchef der Deutschen Bank, den Schweizer Josef Ackermann. Die Bombe konnte abgefangen werden.

Die Bundesanwaltschaft hat ihre Ermittlungen im Fall Swissnuclear sistiert. Daran hat sich vorderhand nichts geändert, wie es auf Anfrage heisst. Noch warten die Schweizer Ermittler auf den Haftbefehl aus Perugia. Auch das Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich, das für den Strafvollzug von Camenisch verantwortlich ist, hat keine Massnahmen ergriffen. Ein Gesuch von Camenisch um bedingte Entlassung lehnte das Amt zu Beginn dieses Jahres ab.

Razzia gegen Camenischs mutmassliche Kampfgenossen

Die Federazione Anarchica Informale (FAI) ist den Schweizer Behörden spätestens seit den Anschlägen auf die Schweizer Botschaft in Rom im Dezember 2010 ein Begriff. Das Anarchisten-Netzwerk verübte das Briefbombenattentat im Namen der inzwischen verurteilten drei Genossen Billy, Costa und Silvia. Diese befanden sich damals in Untersuchungshaft, weil sie einen Brandbombenanschlag auf das IBM-Forschungszentrum in Rüschlikon geplant hatten.

In Italien sorgt die FAI hingegen seit längerem für Schlagzeilen. Erstmals tauchte das Kürzel 2003 auf, als in Bologna zwei Bomben hochgingen. Der Anschlag galt dem seinerzeitigen Präsidenten der EU-Kommission, Romano Prodi. Seither werden der Gruppierung eine Reihe von Anschlägen und Attentaten zugerechnet – jüngst etwa der Schuss ins Bein von Roberto Adinolfi, Chef der Atomsparte des Industriekonzerns Ansaldo. Beim «Corriere della Sera» ging nach dem Anschlag von Anfang Mai ein Bekennerschreiben der FAI ein.

In einer Grossrazzia hat die italienische Justiz nun die mutmassliche Führungsriege der FAI dingfest gemacht. Acht ihrer Mitglieder wurden festgenommen, gegen zwei weitere wurden Haftbefehle erlassen: Es handelt sich um den Schweizer Marco Camenisch und den Spanier Gabriel Pombo da Silva, die in der Schweiz und in Deutschland Haftstrafen absitzen. Die Verhafteten bildeten den harten und gewaltbereiten Kern der Anarchistenszene, sagte Giampaolo Ganzer, der Chef jener Carabinieri-Spezialeinheit, welche die Razzia durchgeführt hatte.

Die Gewaltbereitschaft steigt

Eine unmittelbare Verbindung der Inhaftierten zum Anschlag auf Adinolfi gebe es nicht, sagte Ganzer weiter. Aber der Angriff auf den Manager trage «dieselbe ideologische und organisatorische Matrix» wie andere Anschläge der FAI. Im Bekennerschreiben wird das Attentat der inhaftierten Griechin Olga Jkonomidou gewidmet. Zu deren Zelle sollen sechs Landsleute gehören, gegen welche die italienischen Behörden ebenfalls ermitteln.

Camenisch, Pombo da Silva und die acht Verhafteten müssen mit einer Anklage wegen «Terrorismus mit internationaler Ausrichtung» rechnen, wie der entsprechende Straftatbestand heisst. Laut Ganzer gehören sie einem Netzwerk an, das immer internationaler agiere – und immer gewaltbereiter werde. Beschuldigt sind sie einer Anschlagsserie in Italien, Deutschland und Griechenland im Jahre 2009. Diese Serie sei nicht zuletzt auch eine Antwort auf jene Vertreter der Anarchistenszene gewesen, die auf gewaltfreie Aktionen setzten, sagte Ganzer.

Tages-Anzeiger

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